Auch nach vier Jahren bringt Karstadt seine Tochtergesellschaft NUR nicht aus der Verlustzone

Von Irene Mayer-List

Die Sache war den Herren von Karstadt äußerst peinlich. Am 3. Juni trafen sich die Vorstandsmitglieder des Essener Warenhauskonzerns Walter Deuss und Karl Laschet mit zwei ihrer Direktoren und zwei Betriebsräten zur Aufsichtsratssitzung der Karstadt-Tochter NUR Touristic in Frankfurt. Was sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit über die Neckermann-Reisen besprachen, blieb nicht lange geheim: Schon wenige Wochen später lasen die NUR-Mitarbeiter in ihrem Betriebsratsblatt infoshop‚ daß ihr Unternehmen in diesem Jahr nach ersten Hochrechnung gen elf Millionen Mark Verluste machen würde.

Kampfpreise

Die Konkurrenten – die Kaufhof-Tochter ITS in Köln und der größte Touristikkonzern der Welt, die TUI in Hannover – triumphierten. Denn die NUR, die als Nummer zwei am deutschen Reisemarkt jedes Jahr rund eine Million Urlauber nach Mallorca und in andere Ferienparadiese verfrachtet, hatte sie in diesem Sommer kräftig verärgert. Mit aggressiven Kampfpreisen hatten die Frankfurter Billigreise-Experten versucht, ihren Mitstreitern Kunden abzulocken. Ihr Ziel: Schwarze Zahlen zu schreiben, nachdem sie in den letzten drei Jahren dem Mutterkonzern insgesamt achtzig Millionen Mark an Verlusten beschert hatten.

Die Zahlen aus dem Aufsichtsrat waren für die NUR-Manager denn auch besonders blamabel. In Hektik schrieben sie den beiden geschwätzigen Betriebsräten einen geharnischten Brief und ließen die „lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ per Aushang am Schwarzen Brett wissen, die Kollegen seien „abgemahnt“ worden. Das Resultat machte die Peinlichkeit erst perfekt. Ein Gerichtsvollzieher brachte den drei NUR-Geschäftsführern eine einstweilige Verfügung in die Chefetage. „Bei Meidung eines Ordnungsgeldes in Höhe von 500 000,– beziehungsweise Ordnungshaft bis zur Dauer von sechs Monaten“ mußten sie die Hausmeldung wieder entfernen.

Die Nervosität im Neckermann-Hochhaus nahe dem Frankfurter Bahnhof ist seither nicht mehr abgeflaut. Zwar konnten die NUR-Mitarbeiter nach der Juni-Aufsichtsratssitzung noch überraschend viele Reisen verkaufen. Denn wider alle Erwartungen sind trotz leerer Haushaltskassen in diesem Jahr wieder 26 Millionen Deutsche in Urlaub gefahren, wobei erfahrungsgemäß jeder vierte dieser Heerschar eine Pauschalreise wählte. Dennoch werden die Zuwächse der letzten Monate für NUR nicht ausreichen, um am 31. Oktober, dem Ende des Geschäftsjahres, die ursprünglich geplante „solide Null“ als Geschäftsergebnis auszuweisen.