Über Peter den Großen, der Rußland nach Westen öffnete und zur Großmacht prügelte, schrieb der konservative Historiker Nikolaj Karamsin: „Wir sind zu Weltbürgern geworden, haben aber in einigen Fällen aufgehört, Bürger von Rußland zu sein – durch Peters Schuld.“ Ein ähnliches Urteil hat Jurij Andropow – der die Sowjetunion aus bürokratischer Erstarrung und zentralistischer Kommandowirtschaft an ein aufgeklärtes Management heranführen wollte – jetzt nicht mehr zu erwarten.

Moskaus beklemmende Reaktionen auf den Abschuß der koreanischen Passagiermaschine haben gezeigt, daß die Kremlführer nicht zu Weltbürgern geworden sind. Mehr noch: In nahezu vorpetrinischer Verteufelung des Westens beschränken sie nun auch Andropow darauf, ein „Bürger von Rußland“ zu bleiben. Die jüngst im Namen des Generalsekretärs abgegebene, aber zweifellos nicht von seiner Hand stammende Erklärung zur amerikanischen Politik wirkt wie ein derber Schlußstrich unter alle Bemühungen des kränkelnden Parteichefs, aus sich selbst mehr als nur einen Übergangskandidaten und aus seinem Gegenspieler Ronald Reagan doch noch einen zweiten Richard Nixon zu machen.

Die Erklärung (sajawljenije) des Generalsekretärs tut Präsident Reagans neue Kompromißvorschläge zu den Mittelstreckenraketen als „Betrug“ ab und nagelt Andropow nach mehr als vierwöchigem Schweigen auf die Linie der Militärs und Gromykos fest, daß eine „raffinierte Provokation“ des amerikanischen Geheimdienstes zum Abschuß des Jumbos geführt habe. Diese Erklärung ist formal eine beispiellose Abweichung vom üblichen Kreml-Ritual. Der Parteichef, der seit Mitte August nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen und seit vergangener Woche nicht mehr in den Prawda-Leitartikeln zitiert worden ist (von seiner „Erklärung“ abgesehen), ließ die grundlegende Stellungnahme von einem Nachrichtensprecher verlesen. Kein Wunder: Sie ist auch nicht in Andropows Sprache abgefaßt und ähnelt eher manchen der früheren Reden Reagans: nationalistisch angehaucht und ideologisch verbohrt.

In völliger Abweichung von sowjetischen Gepflogenheiten beginnt die „Erklärung des Generalsekretärs“ wie ein kollektives Diktat: „Die sowjetische Führung hält es für erforderlich ...“ Zweierlei ist daraus abzulesen. Erstens: Obwohl diese Stellungnahme in der Sache und im Ton nirgends über die jüngsten Polemiken der sowjetischen Medien hinausgeht, hat sie ungleich mehr Gewicht. Zweitens: Die formalen Ungereimtheiten drängen den Eindruck auf, daß Andropow die Erklärung wohl mitunterzeichnet, nicht aber nach seinen Wünschen gestaltet hat.

Seit seinem Amtsantritt vor fast einem Jahr konnte der Parteichef über seine Widersacher aus Breschnjews Clan, über seinen Gegenspieler Tschernjenko, über den ideologischen Apparat triumphieren. Er verstand es, mit gestaffelten Angeboten zur Abrüstung auch nach außen zu imponieren. Nun haben ihn offenbar seine eigenen Paten – Außenminister Gromyko und Verteidigungsminister Ustinow – zurückgedrängt. Vieles spricht dafür, daß die Mehrheit im Politbüro entschieden hat, Ronald Reagan bis zu den amerikanischen Wahlen „im Prinzip“ fallenzulassen und sogar den Schein zu meiden, als sei ein Ausgleich mit diesem Präsidenten noch möglich. Alle Illusionen, so heißt es in der Erklärung, seien durch die „jüngsten Ereignisse endgültig zerstört“.

Was verrät sich in dieser Erklärung an aufgestauten Gefühlen? Mit dem Abschuß der KAL 007 stürzte die Sowjetunion in eine Identitätskrise, die Rußlands nie bewältigte Gespaltenheit zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Arroganz der Macht nach traditionellem Muster aufbrechen ließ. Die Weltmacht sah sich rundum bloßgestellt – militärisch, moralisch, propagandistisch. Der Vorfall enthüllte gravierende Mängel im Luftabwehrsystem, in der Kommandostruktur und im Verantwortungsbewußtsein der Sowjets. Der Selbstschuß traf so tief, daß er Partei und Armee erschütterte.