Führt die Inflation der Medien in eine neue Bildungskrise?

Von Joist Grolle

Wir sind in diesem Frühjahr Zeugen einer erstaunlichen, von niemandem wirklich vorausgesehenen Verweigerungsbewegung in unserer Gesellschaft geworden: Ich spreche von dem Boykott der Volkszählung. Wir sollten uns bei der Beurteilung dieses spontanen Bürgerprotestes nicht dabei aufhalten, ob alle konkreten Befürchtungen berechtigt waren, die sich an die Fragebögen und ihre Auswertung richteten. Vermutlich würde man bei nüchterner Betrachtung zu dem Ergebnis kommen, daß die geäußerten Ängste wenn nicht unbegründet, so doch in ihrer Radikalität überzogen waren. Aber eine solche Feststellung träfe nicht den Kern, um den es geht. Die Ursachen für den Boykott liegen ganz offensichtlich tiefer, als die äußeren Anlässe erkennen lassen. Es ging nicht allein um die Daten der Volkszählung, es ging um die untergründige Angst, auf Grund der modernen Informationstechnik immer mehr in ein Netz Von Daten eingefangen zu werden, aus dem es eines Tages kein Entrinnen mehr geben könnte.

Im vergangenen Jahr erschien eine Streitschrift von Klaus Haefner: „Die neue Bildungskrise, Herausforderung der Informationstechnik an Bildung und Ausbildung.“

Der Autor ist Professor für Computer im Unterricht an der Universität Bremen. Er gehört zu jenen besorgten Zeitgenossen, die das Gespenst der Technikfeindlichkeit unter uns umgehen sehen. Haefner teilt diese Sorge mit vielen Kommentatoren, Industrievertretern, nicht zuletzt Politikern. Es fällt auf, sie alle mahnen seit geraumer Zeit unisono vor dem Unheil, das aus der schwindenden Akzeptanz moderner Technologie hervorgehen könnte. Was Haefner aus dem Chor der besorgten Mahner besonders hervortreten läßt, ist allem die Entschiedenheit, ja Vehemenz, mit der er alle Skrupel gegenüber den Gefahren neuer Technologie abstreift. Vor den Augen seiner Leser läßt er die Vision einer von der Computertechnik revolutionierten Gesellschaft entstehen, die er die „Homuter-Gesellschaft“ nennt.

Computer gegen Mensch

Wer aus der satirisch anmutenden Wortschöpfung auf einen kritischen Vorbehalt des Autors gegenüber der Homuter-Gesellschaft schließen wollte, irrt gründlich. Nein, es wird dem Leser mit beängstigend ernstgemeinter Akribie eine Gesellschaft vorgestellt, die ihrem Namen Ehre macht. Sie ist das radikale Gegenbild zu der alten, der „human-alternativen Gesellschaft“ wie Haefner sie mit einem Unterton von nostalgischem Mitleid nennt.