Von Raimund Hoghe

In der im Dezember 1982 erschienenen Taschenbuchausgabe ihrer Gedichtbände „Mutterland“ und „Einverständnis“ wird ihr Leben und Werk bereits abgeschlossen. Die poetische Kraft der Dichterin Rose Ausländer sei versiegt, das Werk vollendet, stellt ihr Biograph Helmut Braun fest und notiert: „Erfreut, aber passiv, nimmt sie die weitere Verbreitung ihres Werkes, die Anerkennung der Kritik und die Zuneigung der Leser zur Kenntnis. Sie, die ausschließlich für und von ihrer Poesie lebte, ist zu poetischer Äußerung nun nicht mehr fähig.“

Anfang Juni, ein Anruf. Warum ich sie so lange nichtmehr besucht habe, fragt RoseAusländer mit einer Stimme, die noch immer kraftvoll und fordernd ist. Ich hätte gedacht, daß sie keinen Besuch mehr empfangen könne, erkläre ich. Nein, erwidert die 82jährige, ich solle zu ihr kommen, am Abend zwischen halb sieben und viertel vor sieben.

Jüdisches Altenheim, 4. Stock, Pflegestation. Gegenüber dem Fahrstuhl hängt ein älteres Bild der Dichterin. Am Ende des Gangs: das Zimmer, das Rose Ausländer seit ein paar Jahren nicht mehr verlassen hat. Das Geschirr vom Abendessen wird aus den Zimmern geholt. Eine Krankenschwester öffnet die Tür zum Zimmer 419. Rose Ausländer sitzt in ihrem Bett, mit ausgebreiteten Armen, aufrecht.

Den Rosenzweig hätte ich nicht mitbringen sollen, sagt sie, und daß ich mich setzen solle. Nach einiger Zeit fragt die Lyrikerin: „Soll ich Ihnen Gedichte vorlesen? Ich weiß nicht, ob ich sie Gedichte nennen darf, es sind ganz kurze Sachen.“ Titel habe sie für diese Arbeiten nicht, erklärt sie, dreht sich zur Seite und greift nach einem kleinen farbigen Block auf dem Rollwagen neben dem Bett, schlägt ihn auf und nimmt ein Vergrößerungsglas zur Hand. Ich sehe auf mein Notizbuch, Rose Ausländer diktiert:

Ich bin ein Baum

und atme mein flüsterndes Laub