Von Klaus Schulz

West-Berlin

Unter den wenigen tausend jüdischen Deutschen, die der Vernichtung durch den Naziterror entgingen, obwohl sie bis zu dessen Untergang in Deutschland blieben, war auch Inge Deutschkron, Tochter sozialistisch engagierter Eltern. Der Vater war, als Gymnasiallehrer, preußischer Beamter, geboren in Finsterwalde, groß geworden in Berlin. Ihr Leben als Verfemte im eigenen Land, erst noch in der Legalität, dann, von 1943 an mit zwanzig und im Untergrund, hat sie beklemmend eindringlich beschrieben in ihrem Buch „Ich trug den gelben Stern“. Es hat inzwischen die vierte Auflage erreicht.

Nach dem Krieg ging Inge Deutschkron nach Großbritannien, nachdem sie dort ihren Vater wieder aufgespürt hatte, dem gerade noch rechtzeitig die Flucht gelungen war. Später arbeitete sie als Journalistin für die israelische Tageszeitung Maariv als Korrespondentin in Bonn, dann in Israel selbst, dessen Staatsangehörigkeit sie seit 1966 besitzt.

Von dort, aus verfolgt sie mit Interesse alles, was sich gerade in diesen Monaten in Deutschland an Bemühungen bemerkbar macht, mit den Ereignissen des Jahres 1933 ins klare zu kommen. Sie vernimmt die Bekundungen der Fassungslosigkeit, des Abscheus über die nationalsozialistische Schreckensherrschaft. Und sie hat Gelegenheit, diese Eingeständnisse deutschen Versagens mit dem zu vergleichen, was sie selbst seit einigen Jahren mit deutschen Behörden und deutscher Gerichtsbarkeit erleben muß.

Inge Deutschkron hat in ihren jungen, düsteren Jahren in Hitlers Deutschem Reich Rentenansprüche erworben. Jetzt, da sie sich der Altersgrenze nähert, wollte sie diese geregelt wissen. Sie wandte sich an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin, legte dar, was ihrer Meinung nach bei der Rentenfestsetzung zu berücksichtigen wäre: nämlich eine „Verfolgtenersatzzeit“, von der Vollendung ihres 14. Lebensjahres im August 1936 bis zum August 1945. Die Anrechnung einer solchen Ersatzzeit kommt nach dem Angestelltenversicherungsgesetz für all die Personen in Frage, die von Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten bedroht waren und deshalb ins Ausland gegangen sind. Inge Deutschkron ging nicht ins Ausland. Ihrem Vater gelang es nicht, die Familie wie geplant ins Exil nachzuholen. Mit ihrer Mutter blieb die Tochter in Berlin zurück. Die „arische“ Schule hatte sie 1935 wegen der Diskriminierung der – formal noch zugelassenen – jüdischen Schüler dort verlassen. In der jüdischen Schule drängten sich 60 Kinder in einer Klasse. Geregelter Unterricht war nicht möglich, Lehrer und Schüler verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

Dann: „Reichskristallnacht“ 1938, Ende der Schulzeit 1939, Ausbildung zur Kinderpflegerin – in Ermangelung anderer Möglichkeiten. Die finanzielle Not wurde bedrohlich, die Siebzehnjährige mußte sich eine Arbeit suchen, aber den Juden standen dafür nur noch Haushalt und Fabrik offen. Inge Deutschkron entschied sich für den Haushalt. Inzwischen wurden die Schikanen verschärft, die Juden bekamen weniger Lebensmittel zugeteilt als du übrige Bevölkerung, durften nachts das Haus nicht mehr verlassen, wurden – vom September 1941 an – der gemeinsten durften gung unterworfen: Sie hatten, für alle sichtbar gebrandmarkt, ständig den gelben Stern zu tragen. Bald darauf begannen die Deportationen. Die Angst, abgeholt zu werden, ließ sie nicht mehr los. Aus dieser verzweifelten Situation suchten sich Inge Deutschkron und ihre Mutter im Januar 1943 in den Untergrund zu retten. So überlebten sie.