Sie warben für mehr Bürgernähe und verteilten Handzettel mit einem Termin für das Straßenfest, und ganz unten stand noch: „Nie wieder Krieg.“ Einer trug weiße Jeans, und ein: Mann, dem ich einen langjährigen Büroplatz zutraute und Gewissenhaftigkeit sogar beim Insbettgehen, sagte: „Ich kenne Sie ja gar nicht.“ Der Handzettelverteiler sagte: „Ich sehe Sie aber jeden Tag“, und da sagte der Mann zu mir: „Ich kehre immer an dieser Ecke wieder um und gehe aus gesundheitlichen Gründen ganz bestimmte Wege; mir hilft das gewohnte Bild.“ Und wenn er die Wohnungstür öffnet, sagt ihm der Gesichtsausdruck seiner Frau eigentlich gleich alles über ihn, und er bildet sich ein, längst zu wissen, wie es aussieht, wenn er stirbt. Aber das zöge sich noch hinaus.

Ich sagte, was ich schon alles in Gesichtern gelesen hätte, auch zwischendurch auf der Straße, und in meinem erst. Der Mann sagte, daß er sich immer in der Spiegelsäule im Schaufenster der Apotheke sehe, er probiere wieder ein neues Schmerzmittel aus, und mit seiner Krankheit sei es wie ein Krieg. „Mein Körper führt ihn, er ist mein Feind; die Löcher müßten Sie sehen, das Röntgenbild ist wie ein Schlachtfeld. Aber immerhin bin ich vierundfünfzig Jahre gesund gewesen, und wenn ich die Sirene eines Unfallwagens höre, denke ich, ist das Opfer vielleicht jünger?“

Er stand vor seiner Haustür. Um nicht antworten zu müssen, blickte ich an dem Haus hoch. Seine Blicke glitten über die Fassade des Nachbarhauses, und allmählich hatten wir uns die ganze Front, von der Ecke an, genau betrachtet.

Ich holte mir auch einen Handzettel für das Straßenfest und sagte zu dem in der weißen Hose, daß man aber niemanden vergessen dürfe, und der sagte: „Wir werden überall klingeln, aber wer nicht öffnet, dem ist nicht zu helfen, oder man kommt im unpassenden Augenblick.“ Wir blickten dann beide auf die Häuserreihen, aber einige Fenster waren blind. Ben Witter