Auf seinem Psychologensofa sei noch nie jemand gelandet, der den katholischen Beichtstuhl zu besuchen pflege – mit dieser Erfahrung von Carl Gustav Jung brüstete sich einer der 211 Bischöfe, die seit einer Woche ihre römische Synode zur Gewissenserforschung, auch zur eigenen, benutzen: Liegt es nur an den Übeln der modernen Welt, daß „Versöhnung und Buße als Sendungsauftrag der Kirche“ (so das Synodenthema) immer weniger angenommen und praktiziert werden? Oder fehlt es auch, wie etwa Bischöfe aus Neuseeland und Indien bekannten, an glaubwürdiger Versöhnlichkeit, mutiger Barmherzigkeit und Toleranz innerhalb dieser Kirche – vom Theologenstreit bis hin zu einer formalistischen Bußpraxis, die oft Schuldkomplexe erzeuge statt sie zu überwinden? Trug auch dies dazu bei, daß nur noch achteinhalb Prozent der deutschen Katholiken zur Ohrenbeichte gehen?

Etwas unerwartet, wohl auch für den geduldig zuhörenden Papst, verbreitet sich die Thematik der Diskussion auf nahezu alles Böse, was Menschen, auch Gläubige, auf dieser Erde heute einander antun. Daß „die Sünde immer eine soziale Dimension hat“ und „ungerechte Strukturen“ sowohl ihre Ursache wie ihre Folge sind, hatte zwar schon der Eröffnungsbericht des Mailänder Kardinals Martini hervorgehoben. Dann aber setzten vor allem Bischöfe aus der Dritten Welt, mehr als die Hälfte der Synodalen, politisch-moralische Akzente. Gegen Atomkriegsvorbereitung, Herrschsucht, Besitzgier und Unterdrückung riefen sie zur „Prophetie der Denunzierung“ – so nennt der philippinische Kardinal Sin die Voraussetzung des Versöhnungsamtes seiner Kirche. Kardinal Höffner aus Köln erinnerte daran, daß in Europa und Nordamerika 330, in der südlichen Erdhälfte jedoch 470 Millionen Katholiken leben, die zwar beeinflußt seien von europäischen Übeln, „aber auch eigene Probleme haben: mörderische Kriege und nicht angemessene Lage der Frau“ ...

Unsicher in der Diagnose einer kranken Welt, fühlen sich die Männer der Kirche auch verunsichert bei der Anwendung ihrer traditionellen „Medizin“. Höffner fordert von der Synode sogar, die vergessene katholische Ablaß-Lehre „zu klären“ (etwa als Beitrag zum Luther-Jahr?). Er beklagt wie die meisten Bischöfe den „ständigen Rückgang des Sündenbewußtseins“. Ermutigt da der Blick auf treue Beichtkinder an Wallfahrtsorten? So meint der Krakauer Kardinal Macharski, während ein Bischof auf Jamaika umgekehrt gerade den Verfall der Ohrenbeichtpraxis als himmlisches Zeichen dafür betrachten will, daß kollektive Beichte und Generalabsolution besser seien. Versöhnung mit anderen also, nicht nur mit Gott und sich selbst.

Haupthindernis bleibt da freilich Für Gläubige wie für Ungläubige ein urmenschliches Vorurteil: daß die Bösen und Schuldigen – privat wie politisch – allemal die anderen sind.

Hansjakob Stehle