Von Renée Falcke

Paris

Es ist Sonntag, später Vormittag. Die Glocken von Notre Dame d’Auteuil läuten die Messe aus. Die Gläubigen des vornehmen Pariser Stadtviertels quellen aus der Kirche und schlendern zur Rue d’Auteuil. Es wird gelacht, geschwatzt, gegrüßt. Manche nehmen ihr Auto, um ein paar hundert Meter weiter zu fahren. Jeder weiß, daß man sich gleich wiedertreffen wird, daß man anstehen und warten wird, denn so, wie man am Sonntag zur Messe geht, so geht man danach zu Lenôtre, 44 Rue d’Auteuil, um sich Vorspeisen, Nachspeisen, Patisserien, Eis, Pralinen, Brot zu kaufen. Und das seit mindestens 20 Jahren.

Brav reißt sich jeder am Eingang des großen Ladens seine papierne Kundennummer ab. Vordrängeln gibt es nicht, ganz egal, ob man nun Generaldirektor, Minister, Hausfrau, Filmstar, Prinz oder zehnjähriger Knirps ist. Zögern vor so großer, unheimlich verführerischer Auswahl wird mit Ungeduld gestraft. Hinten schiebt’s und vorn lockt es. Aber es ist gar nicht so leicht zwischen „feuille d’automne“ (Baiser aus Mandeln und Vanille mit Mousse aus Schokolade, versteckt unter Schokoladespitzen), „claire fontaine“ (Sandteigboden mit Mousse à l’Orange und feingeschnittenen Orangestückchen) oder unter mindestens 30 anderen Patisserien des Tages auszuwählen. Ganz zu schweigen von dem Salzigen.

Es gibt keinen Feinschmecker in Paris, der Lenotre nicht kennt, der sich von seinen Waren nicht einmal verlocken ließ und seitdem immer wieder kommt. Nicht unbedingt am Sonntagvormittag nach der Messe, aber oft mit einer Anreise von mehreren Kilometern. Für tolle Schleckereien ertragen selbst die Verwöhntesten Strapazen. Ich auch, seit Jahren.

Montag morgen, halb zehn. Auf der Laderampe eines modernen, kleinen Betriebs in Plaisir, einem westlichen Vorort von Paris, setzt ein Konditor drei Schwänen aus weißem Zucker silberne Krönchen auf. „Fertig?“ fragt der Chauffeur, „fertig“, antwortet der Konditor. Die Schwäne verschwinden in einem Lieferwagen. Drei andere Bäcker in weißen Anzügen und den hohen Mützen rollen Torten und Törtchen, gestapelt auf Gittertabletts, auf die Rampe. Auch die verschwinden im Lieferwagen. „Hamburg für Monsieur Lenôtre“, ruft eine Sekretärin. Einer der Männer in der schneeweißen Konditorenuniform eilt über den Hof in das Gebäude der Büros.

Etwas später. „Ich habe beobachtet, daß die Deutschen Kuchen wie ein üppiges Hauptgericht essen“, sagt Frankreichs Zucker- und Feinbäcker-König Gaston Lenôtre zu mir. „Ich möchte ihnen eine andere Art zeigen, Kuchen zu kaufen. Wir machen jetzt in Frankreich leichteres Gebäck, viel aus Mousse, mit Früchten.“ Frankreichs bekanntester Patissier setzt zum Sprung auf Hamburg an. Im Oktober wird seine Schlemmer-Boutique nach Pariser Art im Hamburger Alsterhaus eröffnet.