Von Vitus B. Dröscher

Mit ohrenbetäubendem Krach donnerte ein Düsenjäger im Tiefflug über die Kolonie der Graureiher in einer alten Eiche. In kopfloser Flucht suchten alle dort brütenden Stelzvögel das Weite. Ab sie nach fünfzehn Minuten wieder heimkehrten, hatte bereits ein Schwann Saatkrähen die Horste besetzt, die Eier zerstört und die Jungen getötet.

Nur sechs der 32 Reiherpaare gelang es, ihr altes Heim zurückzuerobern. Von Krähen-Nachbarn ständig belästigt, wurde kaum ein Jungvogel groß. Im Winter darauf fielen sieben Reiher dem Frost zum Opfer, fünf emigrierten nach Spanien. Sie kamen im nächsten Frühjahr nicht mehr wieder.

Ein Jahr nach dem Überfliegen durch einen einzigen Düsenjäger war die gesamte Reiherkolonie erloschen. Eine winzig erscheinende Unbedachtheit führte zur Katastrophe.

Dabei war noch kurz zuvor von Forellenteichbesitzern gefordert worden, die Reiher, wieder abschießen zu dürfen, um ihrer „ins Maßlose gestiegenen Bevölkerungsexplosion“ Einhalt zu gebieten. Aber wer weiß schon, an welch seidenem Faden die Existenz gerade eben vor dem Aussterben geretteter Tiere derzeit hängt?

Seit 1979 untersucht deshalb der promovierte Zoologe Hans Utschik mit hundert freiwilligen Helfern die hochempfindlichen Wechselwirkungen von Umwelt und Leben am Musterbeispiel des Graureihers in Bayern. Die Resultate zwingen alle Teichwirte und Jäger, aber auch die Naturschützer zum Umdenken. Sie sind ein Schlüssel zum Verständnis der natürlichen Regulatoren, die viel besser funktionieren als alle Eingriffe der menschlichen Vernunft.

Einige Beispiele: In Niedersachsen wurden um die Jahrhundertwende mehrere Flüsse begradigt, kanalisiert und einbetoniert. Daraufhin ging die Zahl der Graureiher in diesem Gebiet von 5000 Brutpaaren auf 3500 zurück und blieb dann bis 1950 im Mittel konstant. Dann wurden weite Feuchtgebiete trockengelegt. Die Folge: ein Rückgang auf 2000 Paare. 1970 wurde die Aller bei Verden „reguliert“. Daraufhin erlosch dort eine 80köpfige Reiherkolonie, ohne daß auch nur ein Vogel geschossen worden wäre. Sie sind alle verhungert oder weggezogen.