ARD, Sonntag, 2. Oktober: „Mitglied im Arbeitersportverein“, Film von Hannelore Schäfer

Wissen Sie, die Familie war wohlsituiert“, sagte der Mann, der in der Weimarer Republik Arbeitersportler gewesen war, „Vater hatte Arbeit und Mutter hatte auch Arbeit.“ Wohlsituiert als Synonym von Arbeit haben: wie selbstverständlich diese Verbindung einmal gewesen ist, wurde deutlich, als ein zweiter Mann, auch er ehemaliger Arbeitersportler, seine Geschichte zu erzählen begann: „Mein Vater ist 1925 umgekommen, Selbstmord, meine Mutter verdiente als Reinemachefrau 25 Mark im Monat, meine Schwester mußte mit 13 die Schule verlassen, um als Laufmädchen ein paar Groschen dazuzuverdienen.“

Deutsche Wirklichkeit in den zwanziger Jahren, beschrieben aus authentischer Sicht – der Perspektive von unten. Arbeitersportler, der eine Sozialdemokrat, der andere Kommunist, der dritte unorthodoxer Marxist, früher der Brandler-Thalheimer-Gruppe zugehörig, berichteten – sehr persönlich, aber immer mit dem Blick aufs Ganze und Allgemeine – von Tagen, in denen der Verbandskassierer den Kindern, weil er schon einmal da war, gleich auch die Haarschöpfe schor. Der Fußballer, der Leichtathlet und der Ruderer erinnerten sich an eine Epoche, wo Arbeiterkinder anders als Gleichaltrige aus bürgerlichen Kreisen weder Turnschuhe noch Turnhosen hatten – oft genug nicht einmal die dreißig Pfennig (für Arbeitslose tat’s auch ein Groschen), die als Beitrag aufgebracht werden mußten.

Der Blick der drei Erzähler, Boos, Sammer und Klopstech aus Berlin, war unbestechlich und scharf: Mißstände in der Arbeitersportbewegung der Republik von Weimar wurden nicht unterschlagen – aber je deutlicher sie zur Sprache kamen, desto leuchtender nahm sich das Gegenbild, aus. Wie man nicht nur turnte, sondern anders als in der Schule, „wo immer noch die Daten des eilen Fritzens eingepaukt wurden“, sich die eigene Geschichte erarbeitete, die Geschichte der Unteren, wie man Solidarität praktizierte, die Stullen teilte, die Fahrräder in Gemeinschaftsarbeit zusammenbastelte (alter Rahmen, Sitze aus Holz) und das Fahrgeld sammelte für die Ausflüge nach Königswusterhausen.

Vom Persönlichen und Privaten aus gewann auf diese Weise nicht nur die eigene, sondern die Geschichte der Arbeitersportbewegung Anschaulichkeit. Alte Photos, ergänzt durch knappe historische Reminiszenzen, verdeutlichten Glanz und Elend einer Organisation, deren Entwicklung beispielhaft ist: Zuerst, nach der Beseitigung des Sozialistengesetzes, der große Elan, geprägt durch Internationalismus und pazifistisches Pathos, durch Lernbereitschaft zum Nutzen des von geistiger und körperlicher Bildung ausgeschlossenen Proletariats und dann, noch 1918, der Binnenstreit, Ausschluß der Kommunisten durch sozialdemokratische Sportführer, schließlich die endgültige Spaltung, deren Folgen die Kronzeugen des Films am Beispiel des revolutionären Berliner Turnvereins „Fichte“ vorführten. Während die Funktionäre, so die Aussagen der Beteiligten, auf strikte Trennung abzielten, machten die Sozis bei den Kommunisten, die Kommunisten bei den Sozis weiter, turnten und lernten in einer Einheitsfront – „wir wußten, wo wir hingehörten“ –, die de facto seit der Mitte der zwanziger Jahre nicht mehr bestand.

Wäre es nach der Basis gegangen, dies war das Fazit der Sendung: die Nationalsozialisten hätten es schwerer gehabt, die Arbeitersportbewegung gleich nach der Machtergreifung zu verbürgerlichen.

Eine traurige, lehrreiche und beispielhafte Geschichte, die am Sonntagmorgen erzählt wurde – eine Geschichte mit vielen kleinen Helden, die hierzulande niemand kennt, und mit Vereinen, deren Entwicklung zwischen Kaiserreich und Diktatur für den Historiographen ein faszinierendes Thema bleibt... In welchem Ausmaß, das bewiesen die Aussagen der drei Arbeitersportler. Welche eindrucksvolle Konzeption, wieviel Bildungseifer im Zeichen einer Grenzen sprengenden Humanität und welch ein klägliches Ende!

Die Frauen freilich blieben – im Film, den eine Frau, Hannelore Schäfer, gemacht hat! – wieder einmal unberücksichtigt. Turnten sie etwa nicht mit? Waren ausgeschlossen, wenn Männer und – eine große Tat der Arbeitersportbewegung – Kinder sich üben konnten? Der Betrachter am Bildschirm mußte dies annehmen ... Und irrte doch, wenn er so dachte. Zumindest bei „Fichte“ wurde in Wort und Tat für die Gleichberechtigung der Frau eingetreten. Immerhin... Momos