Von Tom R. Schulz

So, wie er aussieht, wird er wohl nie ein Star: Frisur wie eine abgeschubberte Zahnbürste, dürres, ungleichmäßig wachsendes Bärtchen, riesige Brille. Und angezogen ist er auch nicht wie jemand, der bei einer renommierten Plattenfirma unter Vertrag ist: Über schlabbrigen Hosen trägt er ein irgendein kariertes Hemd und einen schlecht sitzenden Versandhaus-Blazer, die Füße stecken in ausgelatschten Schuhen. In einer Glitzerjacke und mit Cheese-Lächeln beim Phototermin hat man sich den Berliner Liedermacher Manfred Maurenbrecher also nicht vorzustellen. So einer gibt für die Klatschgeschichten-Neugier nichts her. Denn wer nicht wenigstens aus der Abwesenheit von Eitelkeit noch einen mediengerechten Anti-Star-Typus kreieren kann, muß im Show-Geschäft schon damit rechnen, daß er einfach übersehen wird. Dieses Schicksal teilt Maurenbrecher mit Kollegen wie Hans Dieter Hüsch oder Randy Newman, zwei Namen, die im Zusammenhang mit Maurenbrecher oft fallen. Beide mußten fast jahrzehntelang auf den Durchbruch bei Presse und Publikum warten. Hüsch ließ sich damals, angesicht halbleerer Säle bei seinen Konzerten trösten: „Sie sind halt ein Langzeittyp.“

Das ist Maurenbrecher wohl auch. In diesen Tagen ist seine zweite Schallplatte („Feueralarm“, CBS 25 669) erschienen, eine eigenartige Mischung aus Songs und Kabarettistischem, aus mit viel Keyboard-Elektronik und Schlagzeug im Studio aufgenommenen und aus live mitgeschnittenen Stücken, die Maurenbrecher allein am Klavier singt. Diese Aufnahmen stammen von einem Konzert im „Quasimodo“ in Berlin, seiner Heimatstadt. Das „Quasimodo“ ist ein kleiner Club, gerade groß genug für Maurenbrechers Stammpublikum. Er schätzt es in Berlin auf dreihundert, vielleicht vierhundert Leute. Bei seinen Konzerten in Westdeutschland hören ihm selten mehr als hundert Menschen zu, meist sind es viel weniger. Ein unbekannter Sänger also, dieser Manfred Maurenbrecher? Bloß noch ein Name mehr in diesem, Wust der „Neuen Deutschen Namen“?

Alles andere als das: in diesem Wust ist Maurenbrecher wohl die einzige wirklich große Entdeckung der gehobenen deutschen Unterhaltungsmusik, Abteilung Liedermacher. Sie ist dem Schlagzeuger der Berliner Rockgruppe Spliff zu verdanken, der ihn bei einer Einweihungsfete einer Berliner Pizzeria spielen und singen hörte.

Die Geschichte klingt so erfunden, daß sie wohl wahr sein wird: „Das war wirklich Zufall. Ich hatte gerade nichts anderes zu tun und hörte mir das an. Dann hat Maurenbrecher ’Beutevogel’ gesungen, und dadrauf bin ich fürchterlich abgefahren“‚ erzählt Mitteregger. Dieses Lied, das Maurenbrecher nur für Stimme und Klavierbegleitung geschrieben hatte, arrangierte der Spliff-Musiker ebenso wie neun weitere Kompositionen von ihm: Er bat seine Band-Kollegen und noch ein paar andere Musiker ins gruppeneigene Studio und produzierte dort die Debüt-LP „MaurenBrecher“ (CBS 85 717), die, von der Fachwelt hochgelobt, vom Publikum jedoch weithin ignoriert wurde, Lag es an dem von der Branche gefürchteten Sommerloch, in das die Neuerscheinung fiel (oder geworfen wurde), oder an der kompromißlosen unkommerziell produzierten Musik, die gewiß nicht zum schnellen Verzehr geeignet ist, oder an den Texten, die im Vergleich zur Debil-Lyrik vieler NDW-Gruppen überaus kompliziert und verschlüsselt sind? Die Rundfunkanstalten, wichtigstes Medium zur Popularisierung von Musik, hielten sich zurück, wer weiß, warum.

Nun ist Maurenbrecher beileibe kein Bukowski unter den Liedermachern, der mitunter dürftige Inhalte durch sprachliche Kraftmeierei zu kompensieren sucht. Seine Sprache zeichnet vielmehr die Fähigkeit zur Andeutung, zur Anspielung aus, bei der das Wesentliche ungesagt bleibt, gleichwohl aber verstanden wird. Im „Bekenntnis“ etwa gesteht ein Vater seinem heranwachsenden Sohn die eigene Homosexualität, eine erotische Wunsch-Begegnung, die dann doch nicht stattfindet. Sexualität ist tatsächlich eines seiner Themen, aber während im Schlager alle Klischees sorgsam reproduziert werden und das angestammte Rollenverhalten unangetastet bleibt, verschieben sich die einfachen Wahrheiten bei Maurenbrecher zu einer vielschichtigen Ansicht von Sexualität. Die strikte Trennung homo-hetero zweifelt er ebenso an wie alle anderen Gegensätze, die das moralische Gerüst dieser Gesellschaft bilden.

So gibt es für ihn nichts nur Gutes, aber auch nichts nur Böses – nichts ist so eindeutig, wie es zunächst vielleicht scheint. Selbst in einem Lied wie „Kleiner Mann“, das unmittelbar nach dem Tod des Klaus Jürgen Rattey im September 1981 im Zusammenhang mit dem Berliner Häuserkampf entstand und das mit sehr sparsamen Mitteln die Machtlust eines politisch Verantwortlichen skizziert, denunziert Maurenbrecher bei allem Mitgefühl für die Unterlegenen die Macht nicht als etwas unangreifbar Menschliches, sondern macht sie nachfühlbar.