Hannover

Will man einem Sprecher im Innenministerium in Hannover Glauben schenken, so ist alles nur eine „phantasievolle Geschichte“. Das zumindest ist seine Bewertung von Informationen, die den Deutschen Journalisten-Verband (DJV) veranlaßten, von Niedersachsens Innenminister Egbert Möcklinghoff nähere Aufklärung über Begleiterscheinungen eines Polizeieinsatzes in Osnabrück zu fordern.

Wie der DJV mitteilte, seien nach seinen Informationen am 6. August bei einer Demonstration gegen die Schließung des Jugendlokals „Hyde Park“ vermutlich Kriminalbeamte als Journalisten aufgetreten. Sie hätten sich den Demonstranten gegenüber als Photographen und Berichterstatter der Braunschweiger Zeitung ausgegeben und blaue Helme mit der Aufschrift „Presse“ getragen. Das allerdings könne mit Bestimmtheit ausgeschlossen werden, so die prompte Reaktion aus dem niedersächsischen Innenministerium, denn ein solches Verhalten liefe polizeilichen Einsatzgrundsätzen „so entschieden zuwider, daß es schlechthin undenkbar ist“. Ähnlich äußerte sich Kriminaldirektor Horst Nestler, Leiter der Kriminalpolizei Inspektion Osnabrück, der betonte, daß es sich um keine Kriminalbeamten seiner Dienststelle handeln könne.

Aber auch der Braunschweiger Zeitung ist von der Existenz ihrer vermeintlichen Mitarbeiter nichts bekannt. Sie teilte auf Anfrage mit, daß sie keine Berichterstatter nach Osnabrück geschickt hatte,

Augenzeuge Thomas Wattenberg, freier Bildjournalist aus Stuhr bei Bremen, bleibt jedoch bei seiner Aussage, daß es sich bei den behelmten „Kollegen“ vermutlich um Polizeibeamte gehandelt hat. Bereits am Nachmittag hatte er die beiden in Gegenwart zweier Zeitungsreporter wegen ihrer blauen Helme angesprochen. Ihm war überdies bekannt, daß die Braunschweiger Zeitung ihr Material über die Osnabrücker Vorkommnisse von der Deutschen Presseagentur (dpa) bezog. Außerdem wandten die beiden vermeintlichen „Kollegen“ die Köpfe zur Seite, als er sie photographieren wollte. Nach eigener Aussage sah Thomas Wattenberg die beiden Kamerascheuen, an ihren blauen Helmen unschwer zu erkennen, am Abend wieder. Doch sollen die beiden Männer, die sich zumeist in der Nähe des Fahrzeuges der Polizei-Einsatzleitung aufhielten, zu diesem Zeitpunkt nicht nur ihre „Presse“-Helme getragen haben, sondern zudem Schlagstöcke und Handschellen. Thomas Wattenberg gelang es jedoch auch jetzt nicht, die beiden Männer zu photographieren.

Die beiden vermeintlichen Journalisten tauchten nach dem 6. August nicht wieder auf. Der Verdacht, daß es sich bei ihnen um getarnte Polizeibeamte handele, erhielt allerdings von anderer Seite neue Nahrung. So berichtete ein hannoverscher Photograph, der sich vor längerer Zeit um eine Stelle bei der Kriminalpolizei beworben hatte, gegenüber der Frankfurter Rundschau, daß er bei Vorstellungsgesprächen durch die Studios und Labors der Kriminalpolizei in Hannover geführt worden sei. Dabei habe man ihm auch den Raum gezeigt, in dem die Kameraausrüstungen aufbewahrt werden, und dort hätten zwei oder drei blaue Plastikhelme mit der Aufschrift „Presse“ gelegen. Vor zwei Wochen bestätigte nun das niedersächsische Innenministerium, daß die Kriminalpolizei in Hannover über einen derartigen Helm verfügt. Seit den Einsätzen bei den sogenannten Rote-Punkt-Aktionen – eine Protestbewegung gegen Fahrpreiserhöhungen Anfang der 70er Jahre sei aber kein Polizist mehr mit einem solchen Helm getarnt in der Öffentlichkeit aufgetreten. Erneut bestritt der Sprecher im Innenministerium, daß es sich bei den behelmten Männern in Osnabrück um Polizisten gehandelt habe. Gleichwohl seien die beiden Heimträger auch den Polizeibeamten bei ihrem Einsatz in Osnabrück aufgefallen. Uwe Nieber