Geheimnisse bleiben in einer großen Organisation selten lange geheim. Diesmal aber gelang es, den Kreis der Eingeweihten im Hans-Böckler-Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wirklich ganz klein zu halten. Hinter verschlossenen Türen verwahren die neun Mitglieder des geschäftsführenden Bundesvorstands derzeit ein Neun-Seiten-Papier über eine Umorganisation der Gewerkschaftspresse. Die Geheimniskrämerei ging so weit, daß ein Spitzenmann das Dossier seinem Vertrauten gleich nach der Lektüre wieder entriß, um zu verhindern, daß eine Kopie des brisanten Dokuments womöglich in falsche Hände gelangt.

Was eine fünfköpfige Kommission unter Federführung von Hans-Jürgen Beck, Intimus des DGB-Chefs Ernst Breit, dem Vorstand am Montag vergangener Woche vorlegte, ist in der Tat geeignet, Gewerkschaftsherzen in Wallung zu bringen. Es geht um eine Untersuchung über die DGB-Wochenzeitung Welt der Arbeit (WdA), ungeliebtes und kostspieliges Kind der gewerkschaftlichen Dachorganisation.

Schon lange fürchten die Mitarbeiter der Wochenzeitung, daß es ihnen an den Kragen gehen soll – nicht gerade ideale Bedingungen für eine kreative Arbeit. Die Betroffenen allerdings sind von den jüngsten Überlegungen bisher ausgeschlossen. Nur an Gerüchten mangelt es in den Redaktionsstuben nicht. „Bei uns ist es so, wie es bei Privatverlegern nie sein darf“, bekennt einer von ihnen resigniert. „Wir erfahren als letzte, was läuft.“

Von den wenigen, die es wissen können, hört man denn auch nur hinter vorgehaltener Hand, was die Strategen im DGB mit ihrem Blatt vorhaben: Die Welt der Arbeit solle mit dem monatlich erscheinenden Funktionärsblatt Die Quelle vereint werden, heißt es lapidar. Die „Quelle der Arbeit“, witzeln Insider verbittert, hätte dann - wie die Quelle – wenigstens nur noch einen Abonnenten, den DGB. Der nämlich kauft bisher die gesamte Auflage der Monatszeitschrift auf und verteilt sie an Funktionäre in den Einzelorganisationen. Die Welt der Arbeit dagegen muß direkt von den Beziehern gekauft werden, monatlicher Bezugspreis sieben Mark frei Haus.

Dieses Handikap belastet das Blatt seit seiner Gründung im Jahre 1949 – die erste Nummer erschien am 6. Januar 1950. Da dürfe sich doch niemand wundern, meinte schon vor Jahren Chefredakteur Dieter Schmidt, wenn das Blatt nie Staat mit seiner Auflage machen konnte. „Wer kauft sich schon zusätzlich eine Wochenzeitung, wenn er von seiner eigenen Gewerkehaft zwei Blätter umsonst bekommt?“

Gerüchte, die niemand bestätigen will, besagen, daß die WdA-Auflage derzeit bei rund 15 000 Exemplaren liegt. Bei einem theoretischen Leserpotential von rund acht Millionen Arbeitnehmern – so viele Mitglieder haben die Einzelgewerkschaften des DGB – ist das eine blamable Zahl.

Doch die Schuld dafür darf man nicht bei der Redaktion des Blattes suchen. Die stellt nach Ansicht vieler Leser seit geraumer Zeit ein durchaus lesbares Produkt auf die Beine. Für manchen DGB-Funktionär ist das, was dort geschrieben steht, allerdings viel zu lesbar. Aufmachung und Stil seien zu marktschreierisch, meinen die Kritiker.