War was? Ja, doch, der Bonner Machtwechsel hat sich gejährt, jene aufwühlenden Tage, als die Politiker so recht menschlich waren und an deren Ende Helmut Kohl, ein bißchen verschämt und doch prall vor Stolz, den Kanzlerplatz im Bundestag einnahm. Merkwürdig nur, daß kaum jemand am 1. Oktober 1983 innehalten wollte, um sich weitläufig daran zu erinnern. Vielleicht ist auch das ein Politikum: Die Normalität hat sich klammheimlich breitgemacht und ist inzwischen allgegenwärtig. Darauf müssen sich die passionierten und professionellen Beobachter noch einstellen.

Fürs erste waren sie bescheiden. Da gab es Anmerkungen zum Regierungsstil und zum Problembewußtsein der nicht mehr neuen Regierung, alles in allem eher Beiläufiges denn Grundsätzliches. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung machte einen von ihr gepflegten Umweg. Erst einmal entrüstete sie sich über den Verrat der SPD an sich selber und diesem unserem Lande. Dann – eher besorgt als kritisch – ein paar Sätze über den Kanzler Kohl: „Kohls persönlicher, auf Delegieren bedachter Führungsstil bedürfte wohl eines technisch geschmeidigen Apparats zur Straffung der Regierungsfähigkeit. So ist manches enttäuschend an der Politik dieses Herbstes ...“

Weitaus direkter, mit Details und Anekdoten angereichert, preschte der Spiegel vor. Helmut Kohl, so ist das Fazit, regiert ganz anders als Helmut Schmidt: gemütlicher, weniger angestrengt, ein bißchen selbstgefällig. Der Regierungsapparat schnurrt nicht mehr unablässig wie eine gut geölte Maschine; so mancher Zuarbeiter ist redselig, aber nicht recht kompetent – eine Kamarilla aus Schulfreunden und Weggefährten; der Kanzler gleicht aus, ihm fehlen die Ideen und Utopien. Schlimmer noch: Er nimmt alles nicht so ernst und läßt sogar Kabinettssitzungen ausfallen, wenn es nichts zum Regieren gibt!

Die ersten Bilanzen, manchmal ratlos, immer vorläufig. Damit ist nichts versäumt. Von Helmut Kohl weiß man ja, daß er noch lange Kanzler bleiben will. Über ihn kann man noch tiefer nachdenken.

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Der Enkel Konrad Adenauers mag sich an zwei Maximen seines Großvaters erinnert haben. Erstens: Die Lage ist da. Zweitens: Auf den Kanzler kommt es an.

Helmut Kohl will sich jetzt „sehr persönlich“ um Kohle, Stahl und Werften kümmern. Er ist da, gestand er frank und frei, sehr optimistisch. Den Glauben daran, daß die Wohlmeinenden die maladen Dinge schon in den Griff kriegen, hat er sich in seinem ersten Amtsjahr nicht rauben lassen. Die 100 000 Stahlarbeiter, die vorige Woche in Bonn demonstrierten, werden es gern hören.