Von Jürgen Funke

Seit die „Turnküken“ im Frauenturnen Olympischer Spiele und Weltmeisterschaften ihre umstrittenen Auftritte haben, sind die „Kinder im Leistungssport“ ein vieldiskutiertes Thema. Der Sport hat im Zuge seiner atemberaubenden Entwicklung einen Punkt erreicht, an dem die Trainingsschraube tief in das Leben von Kindern hineingedreht wird. Schon sind siebzig bis achtzig Kinder in den nationalen Auswahlkadern des bundesdeutschen Leistungssports registriert; sie bilden die Spitze einer Pyramide, die sich nach unten ständig verbreitert. Die „Athleten“ werden immer jünger und jünger.

Nach einer 1979 in Baden-Württemberg vorgenommenen Untersuchung hatten von den 1047 Angehörigen des D-Kaders (der untersten Stufe der Leistungstreppe) in diesem Bundesland 286 das regelmäßige Leistungstraining im Alter von weniger als zehn Jahren begonnen, und zwar im Eiskunstlauf, Fechten, Fußball, Hockey, Rollkunstlauf, Schwimmen, im alpinen Skilauf, Tennis, Kunstturnen und in der Wettkampfgymnastik.

Was sich da so sprichwörtlich früh krümmt, wird nicht immer ein Häkchen, sondern oft genug eben bloß und auf Dauer krumm. Deshalb geht es bei der Standortbestimmung des Leistungssports der Kinder um mehr als um das Für und Wider zu einem auf wenige frühreife Ausnahmeathleten begrenzten Phänomen. Es sind mehr davon betroffen als die, die jedermann sieht.

Der Leistungssport wird uns immer wieder angedient als Antriebsfeder einer körperlichen Aktivierung aller und besonders der jungen Men-. sehen. Seine „Trainings- und Leistungsgesinnung“, durchsäuert den gesamten, auch den nicht ausdrücklich leistungssportlich gemeinten Kindersport. Da werden in Spielgruppen schon „Talente“ entdeckt, beim Kaffeeklatsch nach dem Mutter-Kind-Turnen Weichen in „geeignete Sportarten“ gestellt. Von Provinzwiesen werden kleine Kicker regelrecht weggekauft. In dieser Lage müssen wir eine zeitgemäße Antwort auf die für das leibliche und seelische Wohl von Kindern erhebliche Frage finden, wie sie richtig Sport treiben, wie das Gebäude eines insgesamt erziehlichen Kindersports beschaffen sein soll.

In seinem „Beytrag zur nöthigsten Verbesserung der körperlichen Erziehung“ von 1804 beschrieb Johann Christoph Friedrich Guts Muths, der Begründer der modernen Leibeserziehung, was nach seiner Ansicht als das richtige Sporttreiben von Kindern zu gelten habe. Er empfahl das „Gehen“ auf „Anstand und Schönheit“ und auf „Lokalität“, was in unseren Worten soviel heißt wie „an das Gelände angepaßt“ (z. B. im Bergwandern). Er zählte dazu das „Laufen“ und „Springen“, vielfältige „Übungen des Rückens“, das „rechten“, das „Klimmen“, den „Tanz im Reifen, im Stricke, im Seile“ und den „gymnastischen Tanz“, das „Balancieren des eigenen und fremder Körper“, wozu er den Eislauf zählte, das „Werfen und Schießen“, das „Baden und Schwimmen“, „Übungen der Gelenkigkeit“, welche auch die „Sprachorgane“ einbezogen, sowie „Übungen der Sinne“ und (nicht zu verschweigen) „Kriegsübungen zu gymnastischem Gebrauch“.

Dies alles war gemeint als hilfreich in seiner Mischung, nicht in der Spezialität, sollte in frischer Luft und ohne Zwang stattfinden, sollte tägliche, gewohnte Übung werden, vom Leichten zum Schweren voranschreiten, begleitet sein vom Lob über Gelungenes und geführt vom tätigen Vorbild der Erwachsenen. Besonderes Gewicht legte er auf „den Anstand“ bei einer Übung, der ihm mehr galt als die erzielte Leistung. „Nur der, gerade nur der, welcher die Aufgabe ohne alle Verzerrung der Gebärden und Glieder und ohne Anstrengung blicken zu lassen, vollbringt“, galt ihm als Meister.