Von Gerhard Spörl

Bonn, im Oktober

Der Prolog zum „heißen Herbst“ war für die Friedensbewegung keine reine Freude. Die Prominentenblockade in Mutlangen am 1. September? Alle Welt redete und schrieb über den Absturz des südkoreanischen Jumbo. Die Fastenden von Bonn? Mit extremen Aktionen läßt sich der Protest gegen die neuen Raketen nicht verbreiten. Dieses Ziel haben sich die Pazifisten nun für die nächsten Tage gestellt: phantasievoll, massenhaft und hoffentlich gewaltfrei. Darüber hat man seit Monaten diskutiert, oft strittig, manchmal unfriedlich. Denn die Friedensbewegung ist unschlüssig, wie die Pershing II und die Cruise Missiles am besten verhindert werden können.

Zwischen dem 13. und dem 15. Oktober sind die autonomen Gruppen am Zuge. In ihren Pamphleten stand zu lesen, daß sie all jene verachten, die die Gewalt des Staates brav hinnehmen wollen. Sie, knapp 4000 Mann, sind vor allem im Norden der Republik stark vertreten: in Hamburg, Göttingen und Berlin.

Am 13. und 14. Oktober werden 500 „Autonome“ dabei sein, wenn in Nordenham an der Unterweser und Bremerhaven demonstriert wird. In Bremerhaven kommen pro Jahr 1,5 Millionen Tonnen Kriegsmaterial an. Dort werden Panzer und schwere Waffen auf Binnenschiffe umgeladen. In der Carl-Schurz-Kaserne ist der Sitz des Military Sea-Lift Command, zuständig für den Nachschub nach Europa und in den Nahen Osten. Konventionelle und angeblich auch atomare Sprengköpfe der US-Armee werden über die Midgard-Hafenanlage in Nordenham gelotst. Am 15. Oktober findet dann eine Großdemonstration in Bremerhaven statt. Ziel: die Schurz-Kaserne zu umzingeln und ihren Betrieb lahmzulegen. Mittel: Die autonomen Gruppen lassen sich nicht auf Gewaltfreiheit einschwören. Würden sie von Polizei oder Bundesgrenzschutz provoziert, dann wollen sie wie in Bremen 1980 bei der Gelöbnisfeier zurückschlagen.

Am 16. Oktober beginnt die Aktionswoche der Friedensbewegung. Dann werden zwischen einer und drei Millionen Bundesbürger auf der Straße sein, so glauben auch die Verfassungsschützer. Von da an ist jeder Tag einem anderen Thema gewidmet, jeder Tag hat eine andere Zielgruppe. Der Sonntag ist der Widerstandstag der Christen und Religionsgemeinschaften. Die Gruppe „Ohne Rüstung leben“ schlägt vor, befristet zu fasten. Von Kirche zu Kirche sollen Friedensketten gebildet werden.

Montag, der 17. Oktober, ist der Widerstandstag der Frauen. Sie wollen in vielen Städten und Gemeinden zu Kasernen, Kreiswehrersatzämtern und Sexshops ziehen, sich als mittelalterliche Pestmahnerinnen verkleiden und mittags, fünf Minuten vor zwölf, mit Trommeln, Pfeifen und Küchengeräten Krach schlagen.