Sektkorken knallten. In der Zentrale der Weltgesundheitsorganisation in New York feierten die Seuchenmediziner ihren Triumph. Zwölf Jahre hatten sie auf ihr Ziel hingearbeitet; nunmehr, im Oktober 1979, war die medizinische Großtat vollbracht: Die Pocken, eine der größten Geißeln der Menschheit, waren endgültig besiegt.

Doch in der Stunde des Triumphes ahnte die verdiente Feierrunde noch nichts von der neuen Tragödie, die schon ihren Anfang genommen hatte. Just in jenem Oktober 1979 suchte ein junger Mann in New York einen Hautarzt auf. Ihn bekümmerte eine Handvoll bläuliche, groschengroße Hautflecken an den Beinen. Sie sahen anfangs so aus, als habe er sich irgendwo gestoßen, wollten dann aber nicht mehr verschwinden. Der Arzt erkannte die Verfärbungen als eine Geschwulst, die damals in den Vereinigten Staaten nur etwa dreißigmal pro Jahr beobachtet wurde: ein Kaposi-Hämangiosarkom, ein Tumor der Haut und des darunterliegenden Gewebes.

Zwar erschien der Patient zwei oder drei Jahrzehnte zu jung für dieses Leiden. Aber bestätigen nicht Ausnahmen die Regel? Ein paar Röntgenbestrahlungen, ein Stützstrumpf vielleicht gegen das Wasser im Gewebe, so ähnlich wurde dem jungen Mann bedeutet, und das Kaposi-Sarkom würde womöglich abheilen.

Seither wurde mehr als einem halben Tausend junger Amerikaner – von März 1983 an war es sogar täglich einer – die erschreckende Diagnose gestellt: „Kaposi-Sarkom“. Die „Ausnahmen“ überrollten die Regel, die Hautflecken erwiesen sich als Todesmal. Mindestens 130 der Kaposi-Kranken, zu drei Vierteln Homosexuelle, sind inzwischen gestorben. Sie alle sind Opfer des Acquired Immune Deficiency Syndrome (kurz: Aids), einer erworbenen Schwäche des Abwehrsystems.

Wenn der von dem Wiener Hautarzt Moritz Kaposi 1872 erstmals beschriebene Tumor sichtbar wird, ist Aids weit fortgeschritten, meist schon zu weit. Das Kaposi-Sarkom gilt als „Marker“, als ein typisches Kennzeichen für Aids, ebenso wie eine Lungeninfektion durch einzellige Parasiten der Art Pneumocystis carinii, die bis 1979 bei Erwachsenen praktisch nicht auftrat.

Das amerikanische Kürzel wurde bald zum Schreckenswort für ganze Bevölkerungsgruppen – und für Seuchenmediziner, die nach dem Sieg über die Pocken zu früh gehofft hatten. Denn Opfer wie Ärzte haben es offensichtlich mit einer Epidemie ganz besonderer Art zu tun. Der Steckbrief der Seuche: Ursachen unbekannt; Früherkennung selten möglich; kausale (den eigentlichen Auslösefaktor angehende) Therapie unbekannt; gegenwärtige Sterblichkeit 60 Prozent; Ausbreitungstendenz: weiter zunehmend.

Wenn sich die Fachleute Mitte Oktober in Bologna zum ersten großen Aids-Symposium auf europäischem Boden treffen, dann haben sie nichts weiter als eine dürre Bestandsaufnahme vorzuweisen: