Paul Schnitker ist wieder obenauf. Monatelang hat die nordrhein-westfälische Landeskartellbehörde gegen den Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks wegen verbotener Preisabsprache beim Neubau der Volksbank Münster ermittelt. Jetzt ist die Entscheidung gefallen, und sie stimmt den quicken Maler- und Glasermeister ausgesprochen froh. Denn nach seiner Interpretation ist „der Absprachevorwurf gegen meine Person ... damit aus der Welt“.

Zwar muß Schnitker 2500 Mark Buße zahlen, aber nur „wegen fahrlässiger Verletzung seiner Aufsichtspflicht gegenüber seinem Angestellten“. Denn, wie Schnitker nun erleichtert feststellen kann: Es war dieser Angestellte, der sich mit den Inhabern der beiden konkurrierenden Firmen zusammensetzte, um die Preise so aufeinander abzustimmen, daß Schnitkers Malerwerkstatt zumindest in dieser Dreier-Gruppe am billigsten war und den Auftrag zugeschanzt bekam. Schnitkers Mitarbeiter muß dieses wettbewerbswidrige Verhalten mit 1500 Mark büßen, er verdient schließlich weniger als der Chef, dessen Firma mit weiteren 20 000 Mark bestraft wird.

Daß er seine Aufsichtspflicht vernachlässigt hat, findet der Mehrfachpräsident und Europaparlamentarier Paul Schnitker ganz naheliegend: „Bei der Wahrnehmung meiner vielfältigen Aufgaben für das Handwerk und im europäischen Parlament ist ... eine häufige Abwesenheit unvermeidbar. Meine Tätigkeit im Betrieb und meine Aufsichtsmöglichkeiten müssen darunter zwangsläufig leiden.“ Eine bei vielen Kartellsündern beliebte Entschuldigung, die so alt ist wie das Kartellrecht, was ihr allerdings nicht viel von ihrer Wirksamkeit genommen hat.

Auch im Fall des Handwerkspräsidenten klingt das Argument der Arbeitsüberlastung zunächst ganz glaubhaft, gäbe es nicht andere Äußerungen Schnitters, die seine Glaubwürdigkeit heftig erschüttern. Im Juni 1982 fragte der WDR-Redakteur Paul Ludwig den Handwerkspräsidenten, ob er sich denn angesichts seiner vielen Funktionen noch um seinen Handwerksbetrieb kümmern könne? Schnitkers Antwort: „Ja, sehen Sie, bevor ich heute hier in das Studio kam, habe ich eine Besprechung mit meinen Mitarbeitern im Betrieb gehabt. Ich habe heute morgen um sieben Uhr auch noch einem richtigen Lehrling die Hand gedrückt, und jetzt bin ich hier. Alle wichtigen Entscheidungen sind getroffen, wichtige Gespräche mit den Mitarbeitern und den Kunden geführt. Ich darf sagen, daß in meinem Betrieb kein Vorgang heraus- und hereingeht, den ich nicht sehe.“

Und der Auftrag der Volksbank, für den Schnitker ein Angebot von 254 915 Mark (ohne Mehrwertsteuer) abgab, war für den Betrieb des Präsidenten (sechzehn Gesellen, vier Lehrlinge) ohne Zweifel ein dicker Fisch, nicht nur wegen der hohen Preise und der damit wohl auch zu erwartenden fetten Gewinne. Schnitker kümmerte sich wohl deshalb auch intensiv um dieses verlockende Geschäft. Er hat selbst in der Baubude gesessen, mit dem Bauleiter und Malern verhandelt. Sitzungsprotokolle tragen seine Unterschrift. In einem Gespräch mit der ZEIT am 18. August sagte Schnitker, er habe natürlich den Überblick über das Volksbankprojekt gehabt.

All dies spricht eher für die Beweisnot der Düsseldorfer Kartellbehörde als für die weiße Weste des Handwerkspräsidenten. Daß er keinen Grund sieht zurückzutreten, sondern einen Tag nach der Bußgeldentscheidung der Kartellbehörde seine erneute Kandidatur für das Amt des Handwerkspräsidenten bekanntgab, zeugt vom unterentwickelten Unrechtsbewußtsein Schnitkers ebenso wie von seinem fehlenden Gefühl für Stilfragen.

Auch diverse Handwerkerverbände, an deren Spitze der Multipräsident steht, sehen offenbar keinen Anlaß, ihm den Rücktritt nahezulegen. Die Handwerker müssen also weiter ihrem Präsidenten lauschen, wenn er Sätze sagt, wie zum Beispiel diesen: „Gesunder Wettbewerb ist ordnungspolitisch erwünscht ... Leistungswettbewerb ist das positive Ordnungsprinzip unserer marktwirtschaftlichen Ordnung.“ Eigentlich müßte Schnitker erröten, wenn er demnächst wieder die Vorzüge unseres Wirtschaftssystems lobt. Glauben kann ihm niemand mehr, schließlich hat doch sein Betrieb von diesem System so trefflich profitiert, weil es gegen seine Spielregeln verstoßen hat.