Von Sven Papcke

Die Sunday Times hat ihn vor einiger Zeit zu jenen 1000 Personen gezählt, die das 20. Jahrhundert begründet haben. Das klingt verblüffend, denn der deutsche Sozialdemokrat Karl Kautsky ist hierzulande fast völlig unbekannt. In Erinnerung behalten haben ihn auf ihre Art eigentlich nur seine unzähligen Gegner am linken Rand des politischen Spektrums, für die er je nach deren Einfärbung ein „Lakai der Bourgeoisie“ (Lenin), ein „Theoretiker des Sumpfes“ (Rosa Luxemburg) oder auch ein „platter Evolutionist“ (Karl Korsch) geblieben ist.

Mit großer Sachkenntnis weist nun ein italienischer Zeitgeschichtler nach, daß solche Anwürfe alles andere als Vertrautheit mit den Ansichten Kautskys verraten. Gleichwohl hat die politische Verteufelung von links Erfolg gehabt. Laut Salvadori erfaßte diese Optik bislang noch jeden, der sich mit Werk und Person Kautskys beschäftigte. Während heute jeder Sonderling der europäischen Arbeiterbewegung liebevoller Erinnerungspflege gewiß sein darf, steht eine gerechte Wertung Kautskys noch aus, den Salvador! mit vollem Recht als „einen der bedeutendsten Köpfe des Marxismus“ bezeichnet:

Massimo L. Salvadori: „Sozialismus und Demokratie. Karl Kautsky 1880 – 1938“; Klett-Cotta, Stuttgart 1982, 575 S., DM 60,-.

Das war Kautsky schon deswegen, weil er der vielleicht einflußreichste Sozialist einer ganzen Epoche war. Am 16. Oktober 1854 in Prag als Sohn eines Theatermalers geboren, findet Kautsky schon als Student in Wien zur Sozialdemokratie. Wenige Jahre später gründet er die Zeitschrift Die Neue Zeit, seit ihrem Erscheinen 1883 nicht nur das führende Programmblatt der SPD, sondern bald geradezu ein Mekka sozialistischer Theoriebildung, das unter anderem die Zweite Internationale überhaupt erst in das Denken von Karl Marx „einweiht“. Auch auf die Alltagspolitik der Sozialdemokratie hat Kautsky erheblichen Einfluß: Unter seiner Federführung entsteht nach der Aufhebung des „Sozialistengesetzes“ jenes „Erfurter Programm“ von 1891, das der SPD für dreißig Jahre den Weg zu weisen versucht. Enttäuscht über die Kriegsbegeisterung der Sozialdemokratie, tritt Kautsky Ende 1917 der USPD, einer radikalsozialistischen Abspaltung, bei; er muß daraufhin aus der Redaktion der Neuen Zeit ausscheiden und geht nach Wien zurück, wo er sich aus der politischen Distanz den drängenden Zeitfragen in einer nicht abreißenden Kette von am Ende über 80 Büchern und Broschüren widmet Er stirbt am 17. Oktober 1938 im holländischen Exil, ein Mahner vor dem braunen und dem roten Totalitarismus, auf den keiner mehr hören mochte.

Karl Kautsky besaß in vielen Sachfragen einen größeren Durchblick als die meisten Oppositionellen seiner Ära, so lautet das Fazit des Turiner Historikers. Daß seine Beiträge dennoch derart gründlich in Vergessenheit gerieten, hat verschiedene Gründe, wie Salvadori in seinem wichtigen, wenngleich etwas schwerfälligen Buch erläutert. Die Unberechenbarkeit der Rezeptionsanlässe mag dabei eine Rolle spielen, der ein aufregender Lebenslauf meist mehr gilt als die Einsichten eines Menschen. „Kautsky hat so gar nichts Wildes oder Loderndes“, vertraute bereits Harry Graf Kessler leicht enttäuscht seinem Tagebuch an. Selbst Salvadori behandelt Kautskys Werdegang eher beiläufig.

Und weiter: Nicht zum wenigsten fallen auch individualpsychologische Faktoren ins Gewicht. Die „Vaterfigur“ der Zweiten Internationale sah sich „verleugnet“, seit sie in den eigenen Reihen vehement angegriffen wurde. Dieser Ablehnung hatte Kautsky fraglos Vorschub geleistet, spielte er doch zu Zeiten seines Ruhms nur allzu gern den Schulmeister. Daß diese „Verdrängung“ aber noch immer anhält, muß tieferliegende, muß politische Gründe haben, wie Salvadori vermutet.