Ende der sechziger Jahre, als hierzulande über die Anerkennung der DDR diskutiert wurde, lehnten zunächst drei Viertel der Bundesdeutschen diese Anerkennung ab. In einer Untersuchung des Instituts für Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim wurden jene, die eine Anerkennung ablehnten, damals weiter gefragt, ob sie dann dafür wären, wenn dadurch die persönlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten verbessert werden könnten. Die Zahl der Anerkennungsgegner verringerte sich daraufhin auf vierzig Prozent.

Die Umfrageergebnisse über Nachrüstung und Nato-Doppelbeschluß erinnern in vielem an die damaligen Kontroversen. Heute wie damals gilt, daß derjenige, der die Fragen stellt, auch die Antworten mitbestimmt. Abgefragt werden darf ohnehin nur, was die Leute bereits vor der Befragung in ihren Köpfen hatten. Sonst gibt es sehr verzerrte Ergebnisse, denn die meisten Befragten sind in der Regel bereit, sich auch zu solchen Themen zu äußern, über die sie sich vor dem Interview nie Gedanken gemacht haben.

Bei den Umfragen zur Nachrüstung hatte die Forschungsgruppe Wahlen deswegen bewußt darauf verzichtet, Fachbegriffe wie „Nato-Doppelbeschluß“ zu verwenden, weil zuviel konkretes Wissen nicht vorausgesetzt werden darf. Eine einfache Übertragung des Nato-Doppelbeschlusses mit seinen beiden Teilen in eine einzige Frage hätte das Problem nur vordergründig gelöst: Auf welchen Teil sich die Antwort bezieht, wäre offengeblieben. Wir nahmen denn bewußt in Kauf, daß unsere Umfrage nur Stimmungen und Meinungen über die Stationierung von Raketen erkunden, nicht aber ein klares Urteil zum Nato-Doppelbeschluß zutage fördern konnte.

Von Mitte Mai bis Mitte September 1983 fragten wir für das Politbarometer des ZDF:

„In Genf führen die Sowjetunion und die USA derzeit Abrüstungsverhandlungen über Mittelstreckenraketen. wenn diese Verhandlungen bis zum Herbst zu keiner Einigung führen, was sollte dann geschehen?“

Von Mai bis Juli schwankten die Antworten nur unwesentlich um 72 Prozent Stationierungsgegner. Im September zeigte sich ein Einbruch in der Front: Nur noch 65 Prozent sprachen sich für die Antwortmöglichkeit „weiter verhandeln und keine neuen Raketen aufstellen“ aus. Die Befragung fand nach dem Abschuß der koreanischen Passagiermaschine durch sowjetische Abfangjäger statt; wahrscheinlich hat dies das Ergebnis mit beeinflußt. Von Mai bis September waren stets mehr Anhänger der Opposition als der Regierungsparteien für eine Fortsetzung der Verhandlungen ohne Stationierung eingetreten – bis Juli jeweils mehr als 80 Prozent der SPD-Anhänger und mehr als 90 Prozent der Anhänger der Grünen gegenüber gut 60 Prozent der Anhänger der Unionsparteien und der FDP. Der Knick in der Meinungskurve vom September betraf alle Parteilager mit Ausnahme der Grünen. In den Reihen der Regierungsanhänger traten nur noch gut 50 Prozent für ein Weit erver handeln ohne Stationierung ein, unter den SPD-Wählern vertraten drei Viertel diese Meinung.

Gegen unsere Fragestellung könnte man einwenden, daß sie die Antwort „weiter verhandeln und nicht stationieren“ suggeriert. Dem Bürger dürfte ohne weitere Informationen nicht klar sein, warum am Ende gescheiterter Verhandlungen die Stationierung neuer Raketen stehen soll, warum sollten die Verhandlungen, so könnte er meinen, nicht auf unbegrenzte Zeit fortgesetzt werden?