Vor einem Jahr, so erinnert sich der Tagebuchschreiber Eduard Wedekind, stattete er in Dresden Ludwig Tieck einen kuriosen Besuch ab. Weniger kurios findet er, daß seine Angebetete Karoline so unbefangen mit ihm umgeht.

Sonntag, 28. September 1823, machte ich gegen 11 Uhr eine Visite bei Ludwig Tieck. Ein Bedienter meldete mich, und nicht lange darauf hörte ich im Zimmer eine weibliche Stimme unwillig „Ach Gott, mit den vielen Fremden“ rufen. Es war Tiecks Frau, sie öffnete die Thür, bat mich, sichtbar nicht ohne einigen Unwillen, hereinzukommen, und führte mich in das Zimmer, wo Tieck in einem Lehnstuhl saß, sich aber, als ich kam, an einer Krücke erhob, mir einige Schritte entgegen ging, und mir dann einen Stuhl neben sich anbot, worauf er sich wieder setzte. Seine Frau setzte sich in einiger Entfernung auf einen Sopha, wo sie ganz ruhig die übrige Zeit sitzen blieb.

Er ist ein kleiner, krummer, verwachsener Mann, der sehr an Podagra leidet und an einer Art Krücke geht, und überhaupt so beschaffen, daß sein Körper und seine Gesichtsbildung mit allem, was man genial nennt, durchaus kontrastiert. Er betrug sich aber gegen mich außerordentlich nett und freundlich. Aber, so curios ist der Mensch, es gefiel mir nicht, daß er mir einen Stuhl anbot, weil es mir nun vorkam, er sähe es als eine Ehre an, daß ich ihn besuchte, während bei Goethe die Ehre nur allein auf meiner Seite zu sein schien. Dieser Umstand, und auch, daß ich ihn nicht so sehr schätze als Goethe, gab mir bei ihm den Mut, die Unterredung auf etwas Bedeutendes zu lenken, was ich bei Goethe nicht gewagt hatte. Viel ward indessen auch hier nicht daraus, ich fragte ihn nur nach einer neuen Novelle, die er, wie ich gehört hatte, nächstens herausgeben würde, und worin er sein Urtheil über die Musik niedergelegt hätte. Er sagte mir, daß sie bereits erschienen wäre, daß man sie aber, seiner Meinung nach, nicht eben von einer didaktischen Seite ansehen müßte.

Was mir an Tieck gefiel, war, daß er mich in meiner Einleitung, worin ich ihm meine Ehrfurcht zu erkennen geben wollte, unterbrach, und das Gespräch gleich auf etwas anderes lenkte. – während unseres Gespräches öffnete sich die Tür und es kam ein sehr schönes Mädchen von ungefähr 19 Jahren, in einem blauen Atlaskleide, und im ganzen ein wenig ideal gekleidet, herein. „Meine Tochter“, sagte Tieck; ich stand auf und verneigte mich gegen sie, sie machte eine Verbeugung, ging darauf zur Mutter, sagte dieser leise etwas und ging dann wieder hinaus. Ich fuhr mit Tieck in meinem Gespräche fort. Nach einiger Zeit aber fragte er mich, da er gleich anfangs gehört hatte, daß ich in Göttingen studiert hätte, ob ich nicht wüßte, ob der junge Professor (Otfried) Müller bald kommen würde. Ich hatte in Göttingen gehört, daß er nach Dresden gehn, wahrscheinlich um die Tochter von Tieck anhalten und sie auch wohl bekommen würde, da die Sache so gut als abgemacht sei. Darum fiel mir diese Frage auf. Ich mußte Tieck übrigens etwas näheres über Müller zu sagen.

Ich mochte ungefähr fünf Minuten bei Tieck gewesen sein, als ich mich wieder empfahl. Er stand auf und wollte mich begleiten; ich bat ihn aber, sitzen zu bleiben. Seine Frau machte auf meine Verbeugung einen steifen Knix. –

Karoline Brockmanns Brief erhielt ich zum Geburtstag, und auch sie ließ mir gratulieren, sie läßt mich auch sehr heftig grüßen. Das macht mir zwar viel Freude, da es einmal so ist; aber lieber wäre mir, daß sie mich nicht grüßen ließe und ich berechtigt wäre, anzunehmen, daß sie es nur nicht tun wollte. Dann könnte ich mich dem schönen Gedanken hingeben, daß sie mich wirklich liebte; jetzt aber bin ich nichts mehr als ihr guter Freund; sie geht immer ganz unbefangen mit mir um. – So geht es mit mir: ich bin eigentlich zu klug, um irgendeine Freude rein zu genießen. Wie wohl sind die Narren daran, die ein eingebildetes Glück für wahr halten können. Und doch möchte ich nicht mit ihnen tauschen.

Sonntag, 22, August 1824. Alle meine Neigungen sind nicht sehr heftig, aber sie halten lange vor. So geht es mir auch mit der Liebe. Sie war die erste, die ich liebte; ich werde sie ewig lieben. Ich darf mir nie auf ihren Besitz Hoffnung machen; auch liebt sie mich nicht, sie ist mir bloß gut. Aber sie kann mir nicht wehren, daß ich sie unaussprechlich liebe; sie ist das Ideal meiner Poesie und das Ideal meines Lebens. Wenn es ihr einst, was der Himmel verhüten wolle, unglücklich gehen sollte, so wird sie erfahren, was sie jetzt wohl nicht ahnet; daß ich ihr treuester Freund bin. Heiraten werde ich nie. – Die Stunden, die ich neben ihr verlebte, sind fast die einzigen frohen Erinnerungen aus meiner Jugend, und diese werde ich nie vergessen, bis mein Gehirn vertrocknet und meine Pulse stille stehn.