Bei den Blockaden, die schon hinter uns liegen, ist viel vorgelesen worden. Für Mutlangen hatte Günter Grass die „Kassandra“ von Christa Wolf vorgeschlagen, Peter Härtling hat aus seinem neuen Roman „Das Windrad“ gelesen, den man auch als Lektüre für Jugendliche empfehlen sollte, weil die Jungen darin auch Kritisches über sich selbst finden werden. Viele Bezugsgruppen lasen auch Lyrik vor: Neruda habe ich gehört, in Trauer um Cemal Altun: Verse von Nazim Hitmet.

Ein Buch verdient in besonderem Maße bei solchen und anderen Gelegenheiten als Bestärkung für radikalen, gewaltfreien Ungehorsam gegen Atomraketen leise, aber besser noch laut (vor)gelesen zu werden –

Leonhard Frank: „Der Mensch ist gut“; Arena-Verlag, Würzburg; 168 S., 14,80 DM.

Es handelt sich hier um den unveränderten Nachdruck eines zum erstenmal 1917 erschienenen Erzählbandes des Autors, den damals Kurt Pinthus, Herausgeber der berühmten expressionistischen Anthologie „Menschheitsdämmerung“ „das leidenschaftlichste Buch gegen den Krieg, das die Weltliteratur aufweist“, genannt hatte. Wenn diese Erzählungen dennoch nur Literarhistorikern vertraut sind, so vielleicht deshalb, weil der Autor, Kleistpreisträger des Jahres 1920, vor den Nazis aus Deutschland fliehen mußte und 1950, nach seiner Rückkehr aus dem Exil, es ihm schwer wurde, im inzwischen eingespielten Literaturbetrieb der Bundesrepublik wieder Fuß zu fassen.

Zunächst mögen Angehörige meiner Generation, und die heute Jungen vielleicht auch, über den Titel den Kopf schütteln: Läßt sich nach Gaskammern, nach den stalinistischen Schauprozessen, nach Hiroshima, nach Napalm-Bombardements (nicht nur) in Vietnam und fortdauernder Folter in der Türkei, Chile und anderswo immer noch pathetisch behaupten: Der Mensch ist gut? Tatsächlich aber ist diese Behauptung oder besser Aufforderung an nicht so naiv gemeint, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Die Texte dieses Bandes kreisen um ein höchst aktuelles Thema: um eine radikale Friedensdemonstration, um das alle Angepaßtheit hinter sich lassende Aufbäumen eines Vaters, der seinen Sohn auf dem sogenannten „Feld der Ehre“ verloren hat, gegen den Wahnsinn des Krieges. Eine Kriegerwitwe, eine Mutter, ein Rechtsanwalt und ein Stabsarzt schließen sich seinem Mahnmarsch an. Erzählt wird, was diese Personen dabei erleben, welche Schreckens- und Angstträume für sie Wirklichkeit werden und daß gegen den Krieg letztlich nichts anderes hilft als das „Nein“ vieler, wenn schon nicht aller. Ein „Nein“ ohne Wenn und Aber. Ein Nein, unbedingt mit der Konsequenz dessen, was man heute „Vorleistung“ nennt.

Es ist in letzter Zeit in der Literatur viel von „Fantasy“ die Rede. Hier zeigt einer, was Kriegs-Phantasien sind. Da schreiben tote Männer noch an ihre Frauen. Da werden Selbstmörder, die ein Gestellungsbefehl in den Tod trieb, wieder lebendig. Da wird erklärt: „Solange wir nicht ebenso vor Schmerz schreien, wenn ein Franzose (heute: Sowjetrusse!) fällt, lieben wir nicht.“ Da ist schon der Aufruf, die Gefängnisse zu füllen, wenn denn nichts anderes hilft. Da wird das Lied vom „Guten Kameraden“ ein „Mordlied“ genannt. Da sagt der Unheld des Buches: „Die Wahrheit ist, daß unser ... raffiniert belogenes Volk gar nicht wissen kann, ob es angegriffen wurde oder angegriffen hat, und daß nichts leichter war, als es glauben zu machen, es sei angegriffen worden.“ Ja, dies ist ein durch und durch subversiver Text. Er bringt den Krieg mit Mitteln in Verruf, die das Bewußtsein des Lesers terrorisieren. Hätte ich in diesem oder im nächsten Jahr einen Preis für das beste Jugendbuch gegen den Krieg, für den Frieden zu verleihen – dieser alte Band aus den Jahren des Ersten Weltkriegs, der eine Tradition begründet, die sich nach 1945 in den Kurzgeschichten und Proklamationen Wolfgang Borcherts fortsetzt, würde diesen Preis erhalten.

Hans-Christian Kirsch