Das Werk des österreichischen Dichters Ferdinand von Saar (30. 9. 1833-24. 7. 1906) stand lange unter einem Unstern: Weder durch die Gesamtausgabe, die kurz nach seinem Tode erschien, noch durch Dissertationen oder Aufsätze konnte seine künstlerische und literaturgeschichtliche Bedeutung angemessen dargetan werden.

Saar blieb ein Geheimtip – sein Werk allerdings wurde nicht mit der wünschenswerten Gründlichkeit, die man weit geringeren Dichtern angedeihen ließ, untersucht und aufgearbeitet. Statt dessen wurde es zu, einem literarischen Steinbruch, dem man fertige Formeln zur beliebigen Verwendung entnahm: seine Novellen (viel bedeutender als die Dramen oder Gedichte) gelten – je nach Standort – als Dorfgeschichten, soziale Zustandsbeschreibungen, Porträts oder elegische Reminiszenzen.

Auch Saar selber entging nicht einer fatalen Klischeebildung: vom rückwärtsgewandten Heimatdichter ist bis heute die Rede, vom Pessimisten, Dichteroffizier oder Günstling hochstehender Frauen. Seine besondere Stellung erschließt sich allerdings – und dazu bedurfte es keines Jubiläums – erst bei umfassender Untersuchung aller Zeugnisse.

Kurz nach Saars Geburt starb der Vater. Die Mutter mußte ihn in äußerst bescheidenen Verhältnissen aufziehen. An ein Studium war nicht zu denken – der Vormund bestimmte vielmehr, daß der Sechzehnjährige in die Armee eintrat, aus der er erst 1860 als „k. k. Unterleutnant 2. Klasse“ auf eigenen Wunsch ausschied, um als freier Schriftsteller zu leben. Folgenschwer waren die Konsequenzen für den angehenden Dichter. Denn Saars Werke wurden von den Verlegern zunächst abgelehnt, zu den Schulden der Militärzeit kamen neue hinzu: Hunger und Schuldhaft waren nicht selten. Unter solchen Bedingungen schien seine dichterische Kraft zu versiegen. Versuche, eine feste Anstellung zu bekommen, schlugen fehl.

Welche Erleichterung für den kaum bekannten Schriftsteller, der sehr langsam arbeitete, als Josephine von Wertheimstein ihm 1873 tatkräftig half und in ihrer Döblinger Villa eine Heimstatt bot. Obwohl Saar überwiegend auf den Landsitzen seiner Gönner lebte und von einer Reihe bedeutender Förderer über Jahre hinweg finanziell unterstützt wurde, hat er diesen Zustand nie als angenehm, sondern eher als Bedrückung empfunden. Gleichwohl fühlte er sich in seiner Freiheit als Künstler nicht eingeschränkt und setzte den eingeschlagenen Weg auch dann fort, wenn sein Werk nicht die volle Zustimmung der Förderer fand.

Als seine Frau Melanie Lederer, Gesellschaftsdame der Fürstin Salm, die er 1881 geheiratet hatte, 1884 nach langer Krankheit in den Freitod ging, wurde Saars Leben im Grund erschüttert. Körperliche Gebrechen und Depressionen nahmen zu. Hinzu kam die anhaltende Erfolglosigkeit: Mit seinem Verleger mußte er um die Annahme jedes Buches kämpfen. Auch späte Ehrungen (Franz-Joseph-Orden, Ernennung zum Mitglied des Herrenhauses, Feiern zum sechzigsten, zum siebzigsten Geburtstag) brachten keinen wesentlichen Stimmungswandel mehr. Der an einem chronischen Leiden erkrankte Autor griff im Sommer 1906 zum Revolver .

Als „Novellen aus Österreich“ hat Saar seine bedeutendsten Schöpfungen, jene 32 kunstvoll gebauten Erzählungen, bezeichnet. In ihnen vermag er das vielfältige und problematische Ganze seiner Zeit in schlichten und dabei doch eindringlichen Bildern widerzuspiegeln. Anhand einzelner, scharf gezeichneter Figuren schildert er die verschiedenen Gesellschaftsschichten. Dabei reicht der Bogen von den sozialen Randgruppen bis hin zu den Spitzen der Gesellschaft – vom Asozialen bis zum Adel. Meist sind es gescheiterte oder zugrunde gehende Existenzen, denen er sich zuwendet.