/ Von Gerd Schmückle

Mit dieser Sozial- und Bildungsgeschichte des deutschen Offizierkorps wurde ein brisantes Thema aufgegriffen. Heutzutage schämt sich, ja das geistige Deutschland seines militärischen Erbes, ganz im Gegensatz zu Frankreich, wo eine Reihe von Generalen aus dem Geistesleben nicht wegzudenken ist. Dieses Buch zeigt die Auswahlkriterien für den Offiziersberuf, und zwar im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Hitler-Deutschland und schließlich in unserer Republik. Als engagierter Demokrat ist der Autor höchst kritisch gegenüber den früheren deutschen Armeen und recht nachsichtig gegenüber der Bundeswehr:

Detlef Bald: „Der deutsche Offizier; Sozial- und Bildungsgeschichte des deutschen Offizierkorps im 20. Jahrhundert“; Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1982; 168 S., 36,– DM.

Daß sich jede Regierung ein ihr ergebenes Offizierkorps schaffen will, ist ein Gemeinplatz. Detlef Bald arbeitet überzeugend heraus, daß die Auswahl in der Monarchie vornehmlich nach gesellschaftspolitischen Kriterien erfolgte. Es gab für die Rekrutierung des Offizierkorps „erwünschte“, „weniger erwünschte“ und „unerwünschte“ Kreise. Erwünscht waren Söhne des Adels, später des Großbürgertums. Etwas undifferenziert urteilt Bald, wenn er schreibt, die adlige Führung habe sich „eindimensional“ verstanden und die Verantwortung nach unten, zur Bevölkerung, als nicht relevant eingestuft. Aber so einfach haben es sich die Adligen denn doch nicht gemacht. Neben standesmäßig ererbten Rechten standen eben auch Pflichten. Und diese Pflichten wurden wahrgenommen, wenn auch nicht immer.

Als der adlige Nachwuchs versiegte oder nicht mehr ausreichte, um die Heeresstärke abzustützen, wurde aufs Großbürgertum zurückgegriffen. Detlef Bald lobt die schulisch-zivile Leistung, die dieses gehobene Bürgertum ins Offizierkorps einbrachte. Fraglich allerdings bleibt, ob dadurch auch mehr freiheitlicher Geist eingeführt wurde! Leider äffte das Großbürgertum nicht selten adlige Umgangsformen nach – bis sie zur Karikatur degenerierten.

Bald konstatiert zu Recht, daß die preußische Heerestradition nicht mehr als Vorbild für ein tragfähiges Verhältnis von Armee, Staat und Gesellschaft taugt. Dennoch wünscht der Rezensent der Bundeswehr einige der altpreußischen Tugenden. Ob solche Tugenden eher einen Offizier wissenschaftlicher oder einen Offizier charakterlicher Bildung ansprechen, mag offen bleiben. Bald moniert, daß im preußisch-deutschen Offizierkorps wissenschaftliche Bildung unterbewertet wurde. Schwer meßbare Charaktereigenschaften dagegen seien überbetont worden. Nur das bayerische Offizierkorps habe bildungsfreundliche Auswahlkriterien bevorzugt, während die Marine eher dem Gegenteil zuneigte. Bald berührt damit eine wichtige, von der deutschen Streitmacht nie eindeutig beantwortete Frage: Ist es richtiger, aus dem breiten Offizierkorps eine hochqualifizierte Minderheit herauszubilden, wie es dem Heer mit seinen Generalstäblern vorschwebte, oder ist es effektiver, ein Offizierkorps von durchgehend gutem Durchschnitt zu bilden, wie es sich die Marine wünschte?