Hamburg

Selbst wer voller Zorn und Ärger die Stern-Affäre mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern verfolgte, muß jetzt über die gerichtliche Behandlung des Gerd Heidemann irritiert oder erstaunt sein. Zumindest dürfen unbefangene Beobachter sich wundern über einen Anschein von geringer Sorgfalt und Nachgiebigkeit beim Landgericht Hamburg, das den Journalisten zweimal wieder in die Untersuchungshaft schickte, ohne ihn überhaupt anzuhören.

Es ist richtig: Die Geschichte ist unappetitlich. Vor allem die Hamburger Presse faßt sie mit spitzen Fingern an. Kein Kollege tritt mehr für Heidemann ein, der öffentlich aus Bösewicht dasteht, und dies in einem Maße, das einer Vorverurteilung gleichkommt. Auch Erich Kuby war in seinem Schnellschuß-Buch nicht besonders fair zu dem früheren Kumpel Heidemann. Ebenfalls hat sich der Stern verabschiedet, besser: geduckt. Konrad Kujau erzählt der Bild-Zeitung seine eigenwillige Version von Heidemanns Mitwirkung. Heidemanns Frau dazu: „Grimms Märchen waren nicht märchenhafter. Keine Zeile, die nicht gelogen ist.“

Heidemann wurde am 26. Mai verhaftet, am 2. August entlassen, am 3. August vom Landgericht wieder in Haft geschickt, am 21. September freigelassen; seit 30. September sitzt er wieder in Untersuchungshaft. Dieses Hin und Her macht kein gutes Bild, selbst wenn ein Mann, den man auch politischer Charakterlosigkeit zeiht, Betrug in Höne von 1,7 Millionen Mark vorgeworfen wird. Der einzige, der Heidemann und sein Verhältnis zu den Vorwürfen genau kennt, der einzige, der sich den Beschuldigten anhörte, ist auch derjenige, der ihn zweimal freigelassen hat: Ein Hamburger Haftrichter. Keine Frage: Jedermann kann die 11. Kammer des Landgerichts Hamburg verstehen. Die Affäre ist, politisch, finanziell und rechtlich, nicht so beschaffen, daß man sie leichtnehmen könnte. Aber vielleicht sollte man sich auch zugunsten des Beschuldigten Mühe machen: Das Gesetz verlangt auch dies.

Heidemann behauptet seltsame Dinge zur Erklärung seines plötzlichen Reichtums: Zum Beispiel, er habe mit der DDR einen Vertrag über Suche und Hebung eines Göring-Schatzes in einem DDR-See geschlossen. Nun gut, das ist nicht das einzige Ungewöhnliche an diesem Fall. Aber Heidemann hat, der Amtsrichter schrieb es in seine Beschlüsse, auf Fragen kooperativ reagiert. Und in den neun freien Tagen ist ihm nichts unterlaufen, was neue Vorwürfe begründen könnte. Er war völlig frei, hatte einen Paß, und die Justiz wußte jederzeit, wo er war. Seine Verteidiger meinen, die Haftgründe seien längst überholt.

In der Bundesrepublik wird nicht nur allzu rasch und gern verhaftet, es wird manchmal auch in gigantischem Maß vorverurteilt. Richter können es kaum vermeiden, sich gelegentlich von der öffentlichen Stimmung anstecken zu lassen. In diesen Tagen liegen Heidemanns Haftunterlagen wieder vor dem Landgericht Hamburg, später möglicherweise vor den Richtern des Hanseatischen Oberlandesgerichtes. Nicht, daß Gerd Heidemann so deprimiert darüber ist, daß er einer sehr kritischen Befragung gar nicht unterzogen wird, sollte die Richter zu großer Sorgfalt annalten, sondern die Achtung vor dem (ebenfalls vorsichtigen) Haftrecht und die Tatsache, daß die angewiderte Öffentlichkeit der Bundesrepublik von diesem Beschuldigten so gar nichts mehr wissen will.

Hanno Kühnert