Von Ulrich Schiller

Washington, im Oktober

Neunzig Tage können in der amerikanischen Politik einer ganzen Generation gleichkommen“, sagte während der Amtszeit Harry Trumans sein Vizepräsident Alben W. Barkley einem Besucher. Barkleys Diktum von der Rasanz des politischen Prozesses könnte sich von prophetischer Kraft für die ersten drei Monate des Jahres 1984 erweisen; jedenfalls, soweit es um das politische Geschick der demokratischen Partei und ihren Kampf um die Rückeroberung des Weißen Hauses geht. Denn zwischen Ende Februar und Ende März werden in 23 US-Bundesstaaten die Versammlungen der Parteiaktivisten und die Vorwahlen eine Entscheidung über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten bringen. Und dann wird möglicherweise ein ganz anderer Politiker vorne sein, als es jetzt den Anschein hat.

Fielen heute die Würfel, dann wäre Walter Mondale der klare Sieger. Der ehemalige Vizepräsident Jimmy Carters liegt weit vorn vor seinen sechs Mitstreitern um die demokratische Präsidentschaftskandidatur. „Zu spät, zu spät“, ruft deshalb Fred Wertheimer, Direktor der Bürgerinitiative Common Cause in einer Vorwahlanalyse den anderen Präsidentschaftsbewerbern zu, weil Mondale die Nominierung seiner Partei eigentlich schon in der Tasche habe; auch Bruce Bishop, ehemaliger Direktor von Cope, des politischen Armes des Gewerkschaftsdachverbandes AFLCIO, erklärt, wenn et heute auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu wetten hätte, würde er alles Geld auf Mondale setzen.

So viel Gewißheit neun Monate vor dem Parteikonvent in San Franzisko und vier Monate, bevor der erste Delegierte für diesen Nominierungsparteitag überhaupt gewählt ist, muß Zweifel provozieren. Aber die Prognosen der politischen Profis und die Urteile vieler Journalisten basieren nicht nur auf Instinkt und Gefühlen. In ihnen drückte sich auch die Wahrnehmung der Kundigen aus, daß sich die Modalitäten des amerikanischen Präsidentschafts-Wahlkampfes wieder einmal einschneidend verändert haben. Als der weithin unbekannte Provinzpolitiker Jimmy Carter seinen überraschenden Anspruch auf das höchste Amt im Staate anmeldete, da war zu Beginn des Wahljahres 1976 die berühmte Frage Jimmy – wer?“ durchaus am Platze. Doch dann gewann Carter eine Abstimmung auf dem Parteitag im Staate Iowa und damit waren ihm Publizität, Aufsehen, Zuspruch, Unterstützung, Spenden und Helferscharen für die folgenden Vorwahlen sicher.

Ein solcher Coup ist diesmal nicht mehr möglich. Das neue Stichwort der demokratischen Wahlstrategen heißt front-loading. Es bedeutet, möglichst viel Parteikräfte zu einem möglichst frühen Zeitpunkt hinter sich zu bringen, um bei den Vorwahlen und Parteiaktivisten-Versammlungen Vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Veränderung des Nominierungsprozesses verlangt von den Präsidentschaftsbewerbern, an vielen politischen Fronten gleichzeitig präsent zu sein.

Auslöser der neuen Wahlkampftechnik ist die Empfehlung einer Reformkommission der Demokraten, die erste Serie der Vorwahlen dichter zusammenzudrängen, um der traditionell ersten Vorwahl im kleinen Bundesstaat New Hampshire ihre übermäßig große Symbolkraft zu nehmen. Dem erfahrenen Politiker „Fritz“ Mondale ist diese Reform wie auf den Leib geschnitten. Wie kein anderer Bewerber wird er Anfang 1984 über ein Maximum an Ressourcen verfügen – über Geld, Organisation und freiwillige Helfer, die ihm aus dem Traditionszentrum der demokratischen Partei und aus den Reihen der Gewerkschaften zuströmen.