Von Horst Rademacher

Die Stimme aus dem Lautsprecher klingt verzerrt: „Der nächste Schuß ist morgen, zwölf Uhr mittags!“ Doch der angekündigte High Noon verläuft friedlich: Draußen im Meer, vor der Küste Liguriens, operiert ein französisches U-Boot. Deshalb erhält der Sprengtrupp auf dem italienischen Forschungsschiff „Marsiii“ die Anweisung, aus Sicherheitsgründen seine Ladung nicht zu zünden. Schließlich soll mit dem Schuß keine militärische Gefahr abgewehrt, sondern ein geophysikalisches Forschungsprogramm durchgeführt werden.

Den 150 beteiligten Wissenschaftlern, Technikern und Studenten beschert das Manöver des getauchten Kriegsschiffes einen unerwarteten freien Tag. Sie alle waren, mit Wagenladungen voller Meßgeräte, aus verschiedenen europäischen Ländern nach Norditalien, Algerien, Korsika und Sardinien gekommen, um an der ersten großen Meßkampagne eines Vorhabens teilzunehmen, mit dem unserem Kontinent auf den Grund gegangen werden soll: Im Rahmen der „Europäischen Geotraverse“ wollen die Forscher den tiefen Untergrund entlang einer Linie vom Nordkap bis zum Hohen Atlas erforschen (siehe ZEIT Nr. 2/83).

Auch ich darf an diesem schönen Septembertag im Dienst der Wissenschaft sonnenbaden. Und da die Gruppe des Instituts für Geophysikalische Wissenschaften der Freien Universität Berlin, die ich drei Wochen auf ihrer Meßfahrt begleite, für Stationen nahe der ligurischen Küste eingeteilt ist, habe ich doppeltes Glück; Wir verbringen den Tag am Meer.

Die Septemberaktion gilt der seismischen Erforschung des Südabschnitts der Geotraverse, wie Professor Peter Giese erläutert. „Hier arbeiten Geologen, Mineralogen, Petrologen und Geophysiker zusammen“, sagt der Chef des Berliner Instituts, zugleich deutscher Projektleiter. „Wir wollen ein Bild über den Aufbau der Erdkruste und des oberen Erdmantels unter Europa gewinnen.“

Während wir an unseren Meßpunkten warten, schippert die „Marsili“ langsam von der Südküste Sardiniens in den Golf von Genua. Neunmal zündet ihre Besatzung während dieser Fahrt Sprengladungen von ein bis zwei Tonnen Gewicht im Wasser. Solche großen Ladungen können sogar U-Booten gefährlich werden. Deshalb muß die „Marsili“ einen Tag warten, damit das französische Schiff die Gefahrenzone verlassen kann.

An Land kümmern sich derweil die Forscher um ihre mobilen Erdbebenstationen. Die Apparaturen werden in gleichmäßigen Abständen entlang der Geotraverse im Gelände verteilt – auf Golfplätzen bei Rapallo ebenso wie in Maisfeldern der Po-Ebene oder Tälern der Südalpen.