Von Reinhard Baumgart

Den Trick, die Fälschung kennen wir aus den Archiven der Zeitgeschichte: immer wieder ist da eine unliebsame Person, ein Leo Trotzki oder Ernst Röhm, aus offiziösen Fotos herausretuschiert, herausliquidiert worden. Auf den gereinigten Bildern waren dann nur noch Hitler oder Stalin im Kreis ihrer noch geduldeten Kampfgenossen zu sehen. Alles ist falsch, aber die Welt scheint wieder in Ordnung.,

In seinem neuesten Film dreht Woody Allen dieses Verfahren um. Statt Bilddokumente durch Retusche zu reinigen, hat er sie serienweise durch Manipulationen sozusagen verschmutzt. Hinter oder neben berühmten Zeitgenossen der zwanziger oder dreißiger Jahre, ob Hitler, Pius XI. oder Jack Dempsey, taucht immer wieder ein ernster, kleiner bebrillter Mensch auf, mit Eulenaugen und abstehenden Ohren. Hineingefälscht in echte Dokumente, sieht er nun selbst aus wie echt. Obwohl der Film doch von dieser Laus im Pelz der Prominenz, von Leonard Zelig, eine ganz und gar phantastische und unwahrscheinliche Geschichte zu erzählen beginnt. Allens neues Kinostück produziert Schwindelgefühle: Schwindel sind alle hier vorgeführten Dokumente, aber sie machen eine Schwindelgeschichte erst schön wahr.

Doch: wer oder was ist Zelig?

„Zelig“ ist zunächst Woody Allens Antwort auf die Beschwerden jener Kinogänger und Filmkritiker, die sich von seinen letzten Filmen belästigt oder gelangweilt fühlten. Denen war ihr Stadtneurotiker-Idol zu privat geworden, zu versponnen in kaum noch kommunizierbare Identitätskrisen, in Nabelschau. Einen Film lang beweist nun Allen, daß und warum ihm sein Nabel immer noch vorkommt wie mindestens die halbe Weltkugel, und daß seine Identität bzw. Nicht-Identität genau der Stoff ist, aus dem er Träume zaubern kann, Alpträume und Wunschträume. Was so säuberlich nie zu unterscheiden ist, weder im Schlaf noch in diesem Film.

Druck der Umwelt

Leonard Zelig spukt durch die späten zwanziger Jahre ja nicht nur als der ewige Adabei, der hinter dem Rücken oder an der Seite der Großen ebenso jäh erscheint wie hastig verschwindet. Es fällt ihm überhaupt schwer, seinen deutlichen, durch Herkunft und Paß beglaubigten Umriß zu halten. Was er ist, ein kleiner jüdischer Büroangestellter in Manhattan, möchte er jedenfalls nicht bleiben. Der Druck der Umwelt war von der Kindheit an zu heftig. Also fährt Zelig dauernd aus der Haut: unter Chinesen wird er ein Schlitzaug, unter Gangstern Gangster, in einer schwarzen Band spielt er schwarz und mit plötzlich geschwollener Nase Trompete.