Jo Leinen, der Sprecher der Friedensbewegung: immer vorne bei Protesten

Von Gerhard Spörl

Bonn, im Oktober

Es ist schon ein gutes Gefühl, so viele Menschen für die gute Sache auf die Straße zu bringen. Bei Josef Leinen schwingt manches mit, wenn er abwägt, was der deutsche Herbst 1983 bringen mag: Das stolze Selbstgefühl des Volkstribunen, der seine Macht spürt; die Gewißheit, daß er es ist, der die Republik mit verändert; aber auch Zweifel daran, ob sich nicht in jedem Fall übernimmt, wer den übermächtigen Staat herausfordert. Doch darin deutet sich kaum mehr an als das Unbehagen, das heraufzieht, weil die so lange schon beschworenen Tage der Entscheidung nahen.

Josef Leinen, der Sprecher der Friedensbewegung, hat dafür das Zauberwort geprägt: „Wir werden dieses Land unregierbar machen!“ Ursprünglich wollte er damit nicht mehr sagen, als ohnedies seit Jahren erkennbar ist: daß die neue außerparlamentarische Opposition die Entscheidung über die Zukunft nicht länger einer gewählten, zur Selbstherrlichkeit neigenden Politiker-Elite überläßt, sondern immer wieder Sand ins Getriebe streut. Tatsächlich ist das Selbstbewußtsein der Pazifisten in kurzer Zeit drangvoll gewachsen. Es werden mehr als eine Million, vielleicht sogar drei Millionen Menschen in den kommenden Wochen in den Städten und auf dem Lande demonstrieren, Kasernen und Raketenarsenale blockieren. Sie gehören allen Klassen und Parteien an, lassen sich nicht nach Alter und Konfession eingrenzen – eine breite, unberechenbare Volksbewegung, die an der ehernen Logik von Macht- und Rüstungspolitik irre geworden ist. Aus Gewissensnot will sie die Bundesrepublik in eine heilsame Loyalitäts- und Legitimationskrise stürzen, weil anders Einsicht nicht zu erzwingen sei. Und am Ende, so hofft sie inständig, muß dann Helmut Kohl das befreiende Zugeständnis machen: Die Cruise Missiles und die Pershing II können nicht stationiert werden; der Nato-Doppelbeschluß ist nicht mehr politisch durchsetzbar!

Niederlagen eingeplant

Die Aussicht auf die Durchsetzung dieses Zieles ist äußerst gering. Leinens Zauberwort hat auch Ängste und Ressentiments geweckt, daß sich wieder antidemokratisches Denken ausbreiten und die Republik wie am Ende der Zwanziger Jahre an den Rand des Abgrunds drängen könnte. Die Friedensbewegung, so glaubt ihr Stratege, bringt Helmut Kohl in ein Dilemma: Vermutlich ist er von den neuen amerikanischen Raketen nicht einmal sonderlich begeistert. Aber darf und kann er das zugeben, wenn er dies nicht sogleich als Zeichen unheilvoller Schwäche verstanden wissen will?