Ach wissen Sie, das Gerede hier in Europa über den Frieden ist ja furchtbar, und dann immer diese Filme und Berichte im Fernsehen. Die wollen einem doch nur Angst machen vor dem Atomkrieg. Mein Gott, was kommt, das kommt, und die Menschen sind nun mal keine Engel. Man muß doch jedem Ding auch eine positive Seite abgewinnen, wie die Amerikaner, die können das. Deshalb sind die uns auch immer um zehn Jahre voraus.

In New York, wo noch Leute mit Erfindergeist sitzen, da gibt es jetzt schon das Gesellschaftsspiel „Nuclear War“ zu kaufen, bei uns natürlich noch nicht. Typisch. Oben auf dem Deckel ist ein bunter Atompilz (sieht sehr hübsch aus) und darunter steht: „Ein lustiges Kartenspiel mit einer frechen Sichtweise internationaler Diplomatie, Propaganda und schließlich: Holocaust! Zwei bis sechs Spieler engagieren sich in heiklen Verhandlungen, bis ein Kriegstreiber den Knopf drückt! Dieses fröhliche Kartenspiel ist leicht zu lernen und schnell zu spielen. Aber aufgepaßt: Wenn alle vernichtet sind – hat niemand gewonnen!“

Vor Spielbeginn erhält jeder Spieler ein paar Millionen Menschenleben als Startkapital, ohne das läuft gar nichts. Außerdem wird jedem ein Handikap auf einer Geheimkarte zugeteilt. Manchen trifft es besonders hart: „Zwei Millionen der Pazifisten im Land des Feindes protestieren gegen den Atomkrieg und wechseln in dein Land über.“ Oder: „Zwei Millionen der Bevölkerung des Feindes wandern in dein Land aus in der Hoffnung, von den Wohltaten deines Systems zu profitieren.“ Schlimm. Da ist dies schon besser: „Du hast den Feind in ineffektive und zeitraubende Gipfelgespräche verwickelt. Wegen seiner sinnlosen Bemühungen muß er einmal aussetzen.“

Okay, die Handikaps sind verteilt, wir können anfangen. Sie schauen sich in der Runde nach einem um, den sie überhaupt nicht leiden können und erklären diesem Mitspieler zunächst mal den Propagandakrieg. Dann ist Ihr Nachbar an der Reine und so fort. Na ja, Sie kennen das, Eskalation unvermeidlich. Wie im richtigen Leben, wir sind nun mal keine Engel. Sind Sie nicht der erste, der Atomraketen einsetzt, tut es ein anderer. Aber überlegen Sie die Entscheidung gut: Sobald der Atomkrieg tobt, werden alle im Spiel befindlichen Propagandakarten wertlos, Sie können nicht mehr zurück. Und vergessen Sie nicht, nach jedem geglückten Atomangriff die entsprechenden Menschenleben von Ihren Gegnern zu fordern.

Und wohin damit? Die Menschenmillionen müssen an die „Bank“ abgeführt werden, die Sie – laut Spielanleitung – natürlich auch anders nennen können, ganz nach Geschmack. Wenn die Bevölkerung eines Mitspielers vollkommen vernichtet ist, herrscht wieder Frieden im Land.

Immer, wenn eine Rakete abgeschossen wurde, dreht ein Spieler das Glücksrad. Es zeigt an, ob die Zahl der Menschenleben auf Ihrer Raketenkarte vielleicht noch multipliziert werden muß: Wenn Sie Glück haben, erwischen Sie gleich 30 Millionen auf einen Streich. Aber seien Sie maßvoll, denn jedes Menschenleben bringt uns dem Spielende ein Stück näher.

Es gibt natürlich auch kleine Mißgeschicke. Wenn Sie Pech haben, ist Ihre Rakete ein Blindgänger und zündet erst gar nicht. Oder sie explodiert schon auf der Abschußrampe. Das war’s dann mit der Bevölkerung im eigenen Land.