Von Robinson bis Micky Maus. Die Klassiker der heutigen Jugend. Frankfurter Jugendbuchkongreß des Instituts für Jugendbuchforschung und des Arbeitskreises für Jugendliteratur 28. 9.-1. 10. 1983.

Ist die Allgegenwart von Robinson, Max und Moritz, Alice im Wunderland oder anderer seit Jahrzehnten, Jahrhunderten gelesener wie gelobter Kinder- und Jugendbücher eine Lust oder Last? Karl Hobrecker (1876-1949), von dessen berühmter Kinderbuchsammlung ein Teil für das Institut für Jugendbuchforschung erworben und zur Kongreßeröffnung vorgestellt wurde, hätte mit der Eingangsfrage Klaus Doderers keine Schwierigkeiten gehabt. Aber Hobrecker war bibliophiler Sammler. Für die angesprochenen Kongreßteilnehmer stellte sich die Frage anders.

Was ein klassisches Kinderbuch heute sei, konnte ein abendliches Podiumsgespräch nicht klären. Auf welche Weise die zwei berühmtesten Beispiele, Defoes Robinson und die Grimmschen Märchen zu Kinderklassikern wurden und den von Aufklärung und Romantik entwickelten unterschiedlichen Mythen vom Kind entsprechen, zeigte Hans-Heino Ewers. Mit dem Begriffspaar „Grenzüberschreitung und Erziehungsfunktion“, Freiheitsdrang im vermeintlichen Ungehorsam und Lenkung zu Verhaltensnormen gab Gisela Wilkending einen Schlüssel zum Charakter klassischer Kinderbücher sowie zu ihrer Vermittlung im Unterricht. An Hand von Fakten zur multimedialen Verbreitung und Rezeption sanktionierter Klassiker der Literaturgeschichte und viel gelesener trivialer Bücher plädierte ich für eine Neubestimmung von Erzähltradition und Betrachtung jugendlicher Lieblingslektüre.

Thema und Veranstalter führten fast 400 Teilnehmer aus Wissenschaft, Schule, Bibliothek, Buchhandel und Verlag zusammen. Wer genau zuhörte, konnte bemerken, daß sich mit der in Frankfurt manifestierten Etablierung von Jugendliteraturforschung, -Produktion und -Vermittlung der letzten Jahre auch wieder Gräben zwischen Generationen, Berufsgruppen, politischen Zielsetzungen ihrer Arbeit auftaten.

  • Beharrliches Verweilen bei Nomenklatur und Bestimmung von Klassik in Jugendbüchern,
  • Furcht vor Verdrängung von Avantgarde und Experiment durch einen starren Literaturkanon,
  • Wunsch nach unverkrampftem, neu erarbeitetem Verhältnis zu Literaturgeschichte und ihrer an aktuellen Bedürfnissen orientierten Vermittlung,

das waren heute im Kongreßplenum noch moderat vorgetragene Meinungen. Kulturpolitik und Arbeitsmöglichkeiten jedes einzelnen werden darüber entscheiden, ob daraus morgen belastende oder fruchtbare Gegensätze werden.

Die kindzentrierte Erweiterung des Klassiker-Begriffes bis hin zu „Micky Maus“ und „E. T.“, die auf alle Medien bezogene, interdisziplinäre Forschung einer neuen Generation machten den Frankfurter Jugendbuchkongreß zu einem neuinterpretierten, vorwärtsgewandten Integrationsversuch von Theorie und Praxis. B. D.