Von Flensburg nach Düsseldorf:

Minister Matthiesen

Von Dietrich Strothmann

Beinahe wäre alles nach Fahrplan gelaufen: Endlich hatte Klaus Matthiesen dem Freund Johannes Rau seine Zustimmung gegeben: „Ich komme.“ Beruhigt also war der als Zauderer bekannte nordrhein-westfälische Ministerpräsident zur Papst-Audienz nach Rom gefahren, um sich irgendwann nach der Rückkehr Gedanken über die längst fällige große Kabinettsumbildung zu machen – da platzte die streng gehütete Bombe: die Ernennung des Flensburgers zum neuen Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Und Raus bedächtig geplantes Szenario – alles auf einen Schlag, doch später – war plötzlich völlig durcheinandergeraten. Die Verwirrung war total Perfekt war freilich auch die Überraschung über seinen Entschluß, den kühlen Norddeutschen, die „beste Nummer, die in der Republik zu finden war“, in die „heiße Luft“ des krisengeschüttelten Kumpel-Landes zu holen.

Als Mann mit Rückgrat war der langjährige SPD-Fraktionsführer und Oppositionschef im Kieler Landtag ausgewiesen. Er hatte einst dem „roten Jochen Steffen, dessen Nachfolger er geworden war, die Stirn geboten, sich auch mit dem quirligen Landesvorsitzenden Günther Janßen angelegt Zweimal war er als Herausforderer gegen den schier unschlagbaren Gerhard Stoltenberg angetreten und hatte ihn 1979 beinahe gekippt (ihm fehlten nur knapp 800 Stimmen, was sich die Grünen zuzuschreiten hatten). Zuletzt, im Februar 1981, hatte er sogar dem Kanzler Helmut Schmidt Paroli geboten, der entgegen früherer Absprachen in Sachen Brokdorf als „Nothelfer der CDU“ fungiert und Matthiesen im Regen stehen gelassen hatte. Matthiesen stand daraufhin für die Landtagswahl in diesem Frühjahr als Spitzenkandidat nicht mehr zur Verfügung. „Ein Signal“ wollte der enttäuschte, wohl auch gedemütigte Klaus Matthiesen damit jenen geben, die darauf setzen, daß „Solidarität keine Einbahnstraße“ ist und Sozialdemokraten bereit sind, „ihre persönliche und berufliche Entwicklung noch an eine Sache, für die sie streiten, zu binden“.

Die Genossen staunten

Als Stellvertreter des neuen Fraktionsvorsitzenden Björn Engholm und parlamentarischer Geschäftsführer indessen, mochte Klaus Matthiesen nicht alt werden: Dem Neuling Engholm mußte er den leisten Part im Oppositionschor des Parlamentes überlassen; bloß Briefpapier anzufordern, füllte ihn auf die Dauer auch nicht aus. Ein Angebot Willy Brandts, sein Nachfolger im Europa-Parlament zu werden, schlug er aus. Da machte im Juni in Düsseldorf der „ewige Querulant“ Hans Otto Bäumer endlich doch seine alte Drohung wahr und trat als Landwirtschaftsminister ab; schon war Freund Rau am Telephon: Ob Klaus nicht Lust hätte? Der mußte, auch seines angeschlagenen Herzens und seiner Familie wegen, lange überlegen. Mal wollte er, mal wollte er nicht. Dann reizte ihn doch die Aufgabe, und er verzichtete auf alle materiellen Sicherheiten (des sicheren Kieler Abgeordneten-Gehaltes). Und dann war Johannes Rau gezwungen, seinen Klaus aus der Kiste springen zu lassen.