Von Helmut Becker

Tokio, im Oktober

Premierminister Tanaka hat einen Schwächeanfall erlitten“, teilte vor zwei Wochen der japanische Chef-Kabinettssekretär Masaharu Gotoda bestürzt vor den Fernsehkameras der Nation mit. Obwohl Kakuei Tanaka das höchste Amt im Staat bereits im November 1974 geräumt hat, verdient der Regierungssprecher Nachsicht: Gegen Tanaka, auch gegen den Ex-Regierungschef, läßt sich in Japan noch immer keine Politik machen.

Im Gegenteil: Je tiefer der bullige Bauunternehmer in den Skandal um die Lockheed-Bestechungsgelder verwickelt wurde, desto stärker wuchsen seine Faszination und der Starrummel um seine Person. Die japanischen Medien inszenierten ein beispielloses, über Jahre dauerndes Kesseltreiben gegen Tanaka: Die Wähler blieben ihm treu. Mochten Opposition, Gewerkschaften und Intellektuelle Sturm laufen gegen den Verfall politischer Moral, gegen die Käuflichkeit der Macht, zu deren Symbol der Selfmademan hochstilisiert wurde – die Wahlkampfspenden von Großindustrie und Kleinbürgern für „Kaku-San“, wie der 65jährige Politiker mit liebevollem Respekt genannt wird, sprudelten kräftig. Mochte Tanaka bereits wenige Monate nach Aufdeckung des „größten Politskandals in der Nachkriegsgeschichte Japans“ (so die leicht linksliberale Tageszeitung Mainichi) Mitte 1976 von seiner Liberaldemokratischen Partei (LDP) sanft zum Austritt gezwungen worden sein – die letzten drei Premierminister Ohira, Suzuki und Nakasone verdanken Amt und Würde in erster Linie der Macht des parteilosen Abgeordneten Tanaka.

Mit unzähligen ehrabschneidenden Synonymen ist Tanaka bedacht worden: Schattengeneral, Königsmacher, Drahtzieher oder, in Anlehnung an den Kriegsverbrecherprozeß von Tokio, Friedensverbrechen Die stoische Ruhe, mit der der Hauptangeklagte im fast sieben Jahre alten Lockheed-Verfahren selbst gegenüber massiven Verdachtsmomenten auf seiner Unschuld beharrte, ist längst Stoff für eine Legende. Seitdem Stadtrundfahrten in Tokio die weitläufige Tanaka-Residenz im Stadtteil Meijiro in die Route der hauptstädtischen Sehenswürdigkeiten aufnahmen, gleicht Meijiro einem Lourdes der japanischen Politik: Wer mühselig und beladen ist, darf hier auf Linderung hoffen; wem das Phänomen Macht im demokratischen System blutleer und abstrakt erscheint, dem wird hier handfeste, griffige Erleuchtung geboten.

Kakuei Tanaka hat es vom Volksschüler zum Multimillionär und zum höchsten Amt im Staat gebracht. Während Japans wohlerzogene Bürokraten und Politiker eine gekünstelt ängstliche Unverbindlichkeit in Sprache und politischem Ent-Scheidungsprozeß kultivieren, setzt sich Tanaka mit der klaren Sprache des Fischhändlers von nebenan durch. Tagein, tagaus klopfen mindestens 200 Bittsteller an die Pforten des festungsartig abgeriegelten und von den Medien seit Jahren rund um die Uhr belagerten Domizils in Meijiro. „Wenn du Schutz suchst, wählst du einen starken Baum“, erklärt eines der 119 Mitglieder der Tanaka-Anhänger im Parlament.

Takeo Miki, untadeliger Ehrenmann der japanischen Politszene und Amtsnachfolger Tanakas, urteilt über seinen von ihm verabscheuten Rivalen: „Tanaka verdankt seine Popularität in der (regierenden) liberal-demokratischen Partei und anderswo dem Geld, der Wahlkampfhilfe und Konzessionen“. Daß Geld allein nicht reicht, konzediert der selbst äußerst wohlhabende Miki neidlos: „Aber keiner von uns kann sich mit Tanakas unübertroffener Technik messen, die Herzen des Volkes mit diesen drei Trumpfkarten zu gewinnen.“