Hamburg

Die Idee hätte von Buster Keaton stammen können. Wer die Szene im Kino verfolgt, wäre kaum imstande, ein so ernstes Gesicht zu wahren wie der Staatsanwalt und die Jugendrichterin, die über den 20jährigen Thomas (Name geändert) zu Gericht sitzen. Man stelle sich vor: Da turnt einer spät nachts in offensichtlich nicht mehr nüchternem Zustand über das Baugerüst der Hamburger Musikhalle, schwankt gar ein paar Minuten auf dem Dach. Schließlich findet er einen unverschlossenen Bühneneingang, verschwindet in dem Gebäude. Und als der Schmächtige wieder auftaucht, schleppt er tatsächlich einen Kontrabaß davon.

Doch Thomas ist kein Stummfilmstar mit zeitweilig getrübtem Realitätssinn, sondern Student. Als Angeklagter hat er genau zu erklären, wie das alles in der Nacht zum 3. Januar abgelaufen ist.

Wie war das bloß noch? Freunde aus Kiel und Flensburg hatten ihn besucht, es waren auch Leute dabei, die Thomas nicht kannte. Zuerst hatten sie sich’s in seiner Wohnung gemütlich gemacht und dabei ziemlich viel getrunken. Dann der obligate Zug durch die Gemeinde, die Discos. Höhe- und Schlußpunkt war das ordentlich wilde „Madhouse“ in der Nähe der Musikhalle. Dort hatten sie auch die beiden Autos abgestellt. Und irgendwie – „So genau hab’ ich das gar nicht geschnallt“ – kriegte Thomas plötzlich mit, daß die anderen einen Kontrabaß in der Musikhalle „gefunden“ und nun in seiner Wohnung deponiert hatten. Da ruhte Thomas nicht länger, bis noch mal losgefahren wurde und er selbst dann hineinwankte. „Wo waren die Instrumente?“ fragt Richterin Heydeck. Thomas hat eine unnachahmliche Art, sich auch in nüchternem Zustand nicht genau festlegen zu lassen: „Ja, sofort da waren die nicht, aber sehr weit war es auch nicht.“ Irgendwo in einem der Nebenräume halt. Da stand das Ding. Da hat er es aus dem voluminösen Kasten genommen und ist dann mit Baß, Bogen und Hülle davongezogen.

Thomas ist daheim, auch im Suff, ganz behutsam damit umgegangen. „Ich hab’s erst mal in die Ecke gestellt, damit es nicht umfiel.“ Ja, und dann sind die anderen abgedüst, Michael erst am nächsten Morgen. Da muß es Thomas ziemlich schlecht gegangen sein: „Soviel,“ meint er, und es schimmert eine Art Respekt durch, „hatte ich überhaupt noch nie getrunken.“

Der Kontrabaß, der stand da in der Ecke und war sehr groß, die Wohnung aber sehr klein. Er störte mächtig, und Thomas brachte ihn in den Keller. Aus den Augen, aus dem Sinn? Keineswegs, das Diebesgut brummte tief in seinem Gewissen.

Zwei Anläufe macht der Angeklagte, um das Weitere zu erläutern. Er sieht ziemlich blaß aus. Ist es die Sonne, oder leuchten seine Ohren von innen so rot? „Irgend jemand meinte dann, daß...“ Beim dritten Male klappt es: Thomas hat nach ein paar Wochen auf den Rat eines Nachbarn hin die Telephonnummer der Musikhalle und der Philharmoniker herausgefunden und dem Geschädigten sein Instrument zurückgebracht. Der Baßgeiger fand die Angelegenheit nicht so komisch, wer aber weiß schon, daß ein solcher Kontrabaß zwischen 18 000 und 30 000 Mark wert ist? Thomas wußte es jedenfalls nicht, und selbst wenn ihm das bekannt gewesen wäre, versichert er, ans Verkaufen habe er nicht gedacht.