Wie Johannes Rau sich den Zorn seiner Genossen zuzog

Von Dieter Buhl

Was die Sozialdemokraten in anderen Bundesländern seit langem veranstalten, versuchen nun auch die nordrhein-westfälischen Genossen: den Krach in den eigenen Reihen. Wo Solidarität noch immer größer geschrieben wurde als Profilierungssucht, wo die Parteidisziplin kaum Raum läßt für Extratouren, macht sich Jetzt interner Unmut breit. Äußerer Anlaß des Ärgers ist die Umbildung des Landeskabinetts in der vergangenen Woche. Tiefere Ursache des Zwistes sind Zweifel an Augenmaß und Führungsfähigkeiten des Ministerpräsidenten Johannes Rau.

Das Grummeln und Nörgeln der Sozialdemokraten trifft einen Politiker, der Widerspruch nicht nur im eigenen Lager bisher auf unnachahmlich freundliche, wenn nicht gar fröhliche Art zu überwinden verstand. Der vielgerühmte „Hans im Glück“ aus der Düsseldorfer Staatskanzlei war keine Gestalt rheinischer Sage, sein Frohsinn wurde immer wieder zum Erlebnis – im Landtag wie in sozialdemokratischen Ortsvereinen. Gegen die Kritik an seinem Revirement jedoch halfen weder Charme noch Schulterklopfen. Rau mußte sich von seinen Parteifreunden öffentlich schwerwiegender Fehlentscheidungen bezichtigen, ja, seine Umbauaktivitäten (wenn auch von einem notorischen Querkopf) sogar als Witz karikieren lassen, ohne zum Konter fähig zu sein.

Auch das noch, können da die Sympathisanten der SPD nur seufzen. Denn Johannes Rau ist schließlich kein beliebiger sozialdemokratischer Provinzfürst; auf ihn konzentrieren sich viele – oft auch die letzten – Hoffnungen der Partei. Er ist Regierungschef des einzigen großen Bundeslandes, in dem die SPD noch die absolute Mehrheit besitzt. Er führt den größten sozialdemokratischen Landesverband, der nicht nur ein Drittel aller Parteimitglieder stellt, sondern immer auch als ein Bollwerk politischer Vernunft und Mäßigung galt. Als stellvertretender Bundesvorsitzender zählt Rau schließlich nicht bloß zur Führungsreserve, er wird auch als Integrationsfigur und Aufmunterer geschätzt. Sollte er wackeln, dann müßten die Sozialdemokraten, Hessen hin und Bremen her, nun wirklich schwarz sehen.

Wechsel im D-Zug-Tempo

Doch wo schon vom Ende der Fortune des wackeren Johannes die Rede ist, wird eines nicht beachtet: Just bei den umstrittenen Kabinettsentscheidungen hat Rau seine sichtbarste Schwäche widerlegt. Der notorische Cunctator betrieb den Ministerwechsel im ungewohnten D-Zug-Tempo. So schnell hat er bis jetzt noch nie reagiert. Wenn auch gedrängt von Sachzwängen und gedrückt von der Landtagsfraktion, durchschlug er den Knoten seiner Kabinettsprobleme im Laufe einer einzigen Nacht. Und wahrscheinlich wegen dieser ungewohnten Eile hat er sich dabei dann auch prompt auf die eigenen Finger gehauen.