„Schaufenster“, Gedichte von Albert Hiemer. Die poetischen Miniaturen dieses Bandes sind so farbig und eindrucksfrisch, daß man denkt, ein ganz junger Mensch habe sich hier verlautbart – weit gefällt; Der Autor, der sich erstmals als Dichter zu Wort meldet, ist ein Herr von fünfundsiebzig Jahren, der bisher nur in einigen Zeitungen publiziert hat. Nun tritt er sogleich als ein fertiger, ein ausgereifter Poet vor die Öffentlichkeit, stil- und zielsicher. Gleichgültig, ob er in ein Blumengeschäft, in ein Klassenzimmer, in ein Büro, in ein Hochhaus, in ein Hotelzimmer oder in eine Telephonzelle blickt – immer sprechen die Erscheinungen in direkter umrißscharfer Körpersprache zu ihm, enthüllen sich ihm die Gestalten, Gesten und Szenen des Alltags. Als spitzbübischer Zaungast nimmt er teil an den Sinnesangeboten des Daseins. Von einer Sekretärin sagt er: „Wimpern / lesen Stenogrammgespinste“, von einem Fensterputzer: „Manchmal segelt eine Wolke / durch seine Hand.“ Die Scherzi Albert Hiemers ignorieren keinesfalls die Schattenseiten unserer Existenz, doch sie pflegen einen sonderbar freien und befreienden Umgang mit ihnen. Ein „Krankenhausflur“ evoziert: „Zwölf Türen / Temperatur. // Der Arzt / trägt eine Diagnose / in der Brille. // Der Wattetupfer, / ein weißer Seufzer.“ Die Schnappschußkunst dieses Autors, ein feiner, ironisch gebrochener Imagismus führen kleine Wirklichkeitsausschnitte vor. Am erstaunlichst: Die Erfahrungswelt der Schule wird thematisiert, so lebhaft, als drücke dieser Dichter selber noch die Schulbank: „Aus dem dritten Fenster / kommen junge Vokabeln, / columba, columbae. //Über dem Schulhof / werden sie Tauben. // Ein Studienrat / bringt in seiner Tasche / Gleichungen mit. // Die Sonne / scheint die Geschichte / Griechenlands / auf die Wände.“ (Leeden Verlag Carola Kugler, Leedener Straße 25, 4542 Tecklenburg, 1983;69 S., 9,80 DM.) Hans-Jürgen Heise

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„Stichhaltiges – Aphorismen“, von Sigbert Latzel. Ein vorsichtiger, bescheidener Aphoristiker, der Herr Dr. Latzel Jahrgang 1931), nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte seit 1959 Dozent an Goethe-Instituten: „Probedenken, was gibt es anderes? Man entwickelt Entwürfe, probiert sie aus. Sie funktionieren vielleicht ein Stück weit, dann variiert man sie, entwirft neu. Nie endende Annäherungsarbeit – im Hinblick auf etwas, was auch nur ein Probesein zu sein scheint.“ Freilich haben schon zahllose andere Aphoristiker vor diesem Autor „probegedacht“, was er sehr wohl (oder übel) weiß: „Was fehlt, ist eine Sintflut für Gedanken.“ Gewiß, auf einer tabula rasa wäre jeder Gedanke neu und einzigartig. Aber nach so vielen Vorgängern bleibt einem neuen Aphoristiker nur, in des Teufels uralter Küche als Topfgucker auf wenigstens einige Töpfe einen passenden Deckel zu setzen. Und wo, um alles in der (Unter-)Welt, stinkt’s ihm denn nicht? In der Politik: „ ,Vom Erzeuger zum Verbraucher’ = Vom Vater zum Staat“. In der Theologie: „Kirchen: Gottes Wochenendhäuser“. Mief auch in der Philosophie: „Die meisten Menschen leben, weil sie nicht sterben wollen“; aus welcher Inkonsequenz sich natürlich ein Geschäft machen läßt: „Viele verkaufen heute Ariadne-Fäden. Sie liefern nur nicht die passenden Labyrinthe mit.“ (Bläschke Verlag, A-9143 St. Michael, 1983; 60 S., 9,80 DM.)

Hanns-Hermann Kersten

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„Der deutsche Museumsführer“, herausgegeben von Klemens Mörmann. In überarbeiteter und erheblich erweiterter Neuauflage ist dieser Museumsführer jetzt erschienen, und wer viel reist, der weiß die Führer und Sternchenverteiler zu schätzen, die einem den Weg weisen durch fremde Betten, Lokale und Museen. „Der deutsche Museumsführer“, von vorn bis hinten bunt bebildert, ist zwar einerseits so nützlich wie seine gastrosophischen Vorbilder: Da gibt es Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Adressen. Das heißt, wer gerade mal durch dieses Städtchen oder jene Gegend fährt, der kann im voraus erfahren, was es hier möglicherweise zu besichtigen gibt. Was dieser Führer aber (im Unterschied zu den meinungsfreudigen Reiseführern) manchmal nicht mitteilt: Wie wichtig oder unwichtig das erwähnte Museum ist. Da wird zum Beispiel das BMW-Auto-Museum in München in gleicher Länge vorgestellt wie das spektakuläre Museum zeitgenössischer Kunst in Mönchengladbach (und zudem noch in Worten gepriesen, die eigentlich nur direkt aus der PR-Stelle des Werkes selber kommen können). Und da werden auch, um der Vollständigkeit willen, so sinnlose Eintragungen gemacht wie die über das Heimatmuseum Reinickendorf/Archiv (Berlin), die aus acht Zeilen bestehen, die ihrerseits nur Kürzel sind. Wenn ein Führer wirklich führen will, kann er nicht gleichzeitig Adreßbuch sein wollen. (Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt, 1983; 1068 S., 44,– DM).

Petra kipphoff