Von Gerhard Stadelmaier

Du schickst dich an, die Rezension des neuen Romans ‚Wenn ein Reisender in einer Winternacht‘ von Italo Calvino zu lesen“, so darf um Gottes willen keine Rezension beginnen. Nicht allein deshalb, weil ein Leser solcher Literaturkritik das selbstverständliche Recht auf die humane Distanz eines menschenfreundlichen Siezens hätte, schon gar nicht in dieser Zeit der gräßlich nähesüchtigen Duzerei überall, sondern vor allem deshalb, weil es den Leser von Rezensionen vielleicht gar nicht (mehr) gibt.

Für diesen Nicht-Leser könnte das gleiche gelten wie für die Nicht-Leser von Büchern, jene zigtausend Nicht-zur-Kenntnis-Nehmer von jenen zigtausend Neuerscheinungen, die nun wieder von größeren oder kleineren Apparaten, Verlage genannt, ausgespuckt werden.

Auf sie nämlich dürfte der triftige Verdacht auch fallen, den Ludmilla hat: „Die Welt derjenigen, die beruflich mit Büchern zu tun haben, bevölkert sich immer dichter und neigt dazu, sich mit der Welt der Leser gleichzusetzen . Mir scheint, daß die Zahl der Leute, die Bücher benutzen, um daraus andere Bücher zu machen, schneller, wächst als die Zahl der Leute, die Bücher einfach nur gerne lesen.“

Ludmilla, eine wunderbare Frau, ist ein aussterbendes Wesen: eine Leserin, Nur-Leserin. Sie hat eine panische Angst vor Autoren, vor diesen „Persönlichkeiten“, die ihr von all dem, was je zu schreiben wäre: vom Tollsten, Geheimnisvollsten, Unsagbarsten, Weittragendsten immer nur das Offensichtliche, Ausgeschnittene, Sagbare, Zeile um Zeile Zugeschnittene servieren. Sie arbeitet, lesend zwischen allen Zeilen, an der Abschaffung des Autors, den sie sich lesend erschafft: „Ich lese, also schreibt es“, ist ihr Motto. (Über Rezensenten übrigens schweigt sie sich aus. Natürlich.)

Ludmilla ist die heimliche Hauptperson. Die unheimliche Hauptperson dieses Roman aber ist der Leser.

„Du schickst dich an, den neuen Roman ‚Wenn ein Reisender in einer Winternacht‘ von Italo Calvino zu lesen.“ So muß, so darf, so kann nur ein Buch beginnen, welches sich seinen Leser selber erzeugt, als ob es ihn gäbe. Die schönste Fiktion in diesem Herbst.