Von Henryk M. Broder

Ich traf Rabbi Mosche Hirsch zuletzt auf dem Marktplatz von Mea Schearim, dem Viertel der ultra-orthodoxen Juden von Jerusalem. Er war auf halbem Wege zwischen der Wohnung, in der er seit über 20 Jahren mit seiner Frau und seinen fünf Kindern lebt, und der Yeschiva, in der er an sechs Tagen in der Woche Talmud lernt und lehrt. Hirsch erkundigte sich sofort, ob die Geschichte, die ich über ihn schreiben wollte, schon erschienen wäre. Ich verneinte, worauf Hirsch mir ein in Zeitungspapier gewickeltes, soeben geschlachtetes Huhn zum Halten übergab und in den großen Taschen seines langen schwarzen Gehrocks zu suchen begann. „Ich hab’ da etwas für Sie, das Sie bestimmt noch brauchen können.“ Er förderte aus den ; Taschen mehrere Stöße zusammengelegter Papiere und Zeitungsausschnitte zutage und zog aus einem dieser Bündel ein vierfach gefaltetes Blatt heraus: „Das ist es!“ Ich gab ihm das tote Huhn zurück und erhielt die Photokopie eines Briefes, den Rabbi Hirsch an US-Außenminister George Shultz geschrieben hatte. Über dem Briefkopf („Naturei Karta of the Orthodox Jewry“) stand handgeschrieben der Zusatz: „From one Secretary to another.“

Mosche Hirsch, über den die Washington Post geschrieben hat, er sehe aus wie Woody Allen, der einen Rabbi nachmacht, ist 1955 von Brooklyn ins Heilige Land gekommen, „um Gott in seinem eigenen Hinterhof zu dienen“. Die Art freilich, wie Hirsch seinen Gottesdienst praktiziert, bringt ihn ständig in einen kalkulierten Konflikt mit den israelischen Behörden – und zugleich auf die Titelseiten aller israelischen Zeitungen.

Der US-Bürger Hirsch ist Sekretär der „Naturei Karta“ (aramäisch für „Hüter der Stadt“), einer im Jahre 1935 entstandenen ultra-orthodoxen Gruppe innerhalb des religiösen Lagers, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den wahren jüdischen Glauben gegen alle weltlichen Gefahren und modernen Aufweichungen zu verteidigen. Und in seiner Funktion als Sekretär der „Hüter der Stadt“, von den Zeitungen auch mit freundlicher Ironie „Außenminister der Naturei Karta“ genannt, bat Hirsch den Kollegen aus Washington, er möge sich bei den anstehenden Verhandlungen um die Gründung eines Palästinenserstaates dafür einsetzen, daß auch „die palästinensischen Juden“ vom „zionistischen Establishment“ separiert und in den „zukünftigen Staat“ als Bürger aufgenommen werden.

George Shultz versagte sich wohl eine Antwort. Andernfalls hätte Mosche Hirsch keinen Moment gezögert, sie genauso der Presse zu übergeben, wie er das vor zwei Jahren mit einem Brief von Jassir Arafat tat, der sich dem Anliegen der „Naturei Karta“ weit aufgeschlossener zeigte als der amerikanische Außenminister. Auf ein Schreiben, in dem sich die „Hüter der Stadt“ von der Politik der Begin-Regierung distanzierten, kabelte der PLO-Chef begeistert zurück: „Möge Gott mit Euch sein in Eurem Kampf gegen den Zionismus!“

Mit solchen Aktionen hat Rabbi Hirsch seinen Ruf als News- und Showmaker begründet. Er korrespondierte nicht nur mit Jassir Arafat und George Shultz. Da gab es auch einen Brief an König Hussein mit dem Vorschlag, Mea Schearim an Jordanien anzuschließen; einen Brief an Jimmy Carter, als der noch Präsident der Vereinigten Staaten war, in dem Hirsch darlegte, warum Menachem Begin kein religiöser Jude ist, sondern die Religion für politische Zwecke mißbraucht; einen Brief an Kurt Waldheim, den Hirsch um die Zustimmung der UN bat, Mea Schearim zu einer Art Fürstentum wie Monaco oder Liechtenstein auszurufen, zu einem „Ort der Zuflucht für gottesfürchtige Juden“.