Von Manfred Sack

Hedeper

Bürgermeister Bernhard Hünersdorf, Landwirt von Beruf, ist ein aufrechter Demokrat. Die vorletzte Wahlperiode ausgenommen, wo ein karrierebewußter Konkurrent das Amt erklommen und moderne Zeiten hatte anbrechen lassen wollen, regiert er das niedersächsische Dorf Hedeper (Betonung auf der ersten Silbe) seit gut einem Dutzend Jahren. Er kennt die demokratischen Spielregeln aus dem ff – aber wie vielen anderen Politikern fällt es ihm noch schwer, über die fein geregelten Rituale der repräsentativen Demokratie hinaus eine andere zu versuchen, die den Bürgern näher kommt, sie vertrauensvoller einbezieht und zum Widerspruch ermutigt. Er lügt nicht, wenn er sagt, neunzig Prozent der Hedeperaner seien für die neue schnelle Straße, die das kleine Dorf jetzt durcheilt; dennoch ist es, wie zum Beispiel Pastor Bornhak weiß, nicht ganz die Wahrheit: Viele Dorfbewohner hätten zugestimmt, weil sie vor dem Bürgermeister Respekt haben, weil sie Ärger vermeiden wollen und zu wissen glauben, mit ihrem Contra doch nicht durchzudringen („die sind doch immer die Stärkeren“).

So formierte sich die Kritik erst, als der Bebauungsplan Gesetz und mit dem Bau begonnen worden war. Nun ist die Straße bald fertig. Sie wird so, wie das Straßenbauamt in Wolfenbüttel sie richtliniengetreu geplant hat: sieben Meter fünfzig breit, Bürgersteige von anderthalb Metern zu beiden Seiten, macht zusammen mehr als zehn Meter. War die alte, gewundene, fast um die Hälfte schmalere Straße mit ihren nicht schönen, aber praktischen Rändern eine eher beiläufige Erscheinung, spielt die neue unübersehbar eine Hauptrolle. War die alte eindeutig im Besitz des Dorfes (sie war selbstverständlich auch Fußweg), so gehört die neue, „schneller“ gemachte eindeutig den Autofahrern (zu Fuß gehen ist gefährlich).

Jürgen Kumlehn, Abgeordneter der Grünen Bürgerliste im Wolfenbütteler Kreistag, ist ein umweltbewußter Demokrat, dem solch eine zweifelhafte Sache auch dann noch keine Ruhe läßt, wenn sie fast vollendet ist. Gewiß nicht mit der Erwartung, den Bau dieser Straße noch aufhalten zu können, aber mit der Hoffnung, daß das böse Beispiel eine erzieherische Wirkung entfalten werde, hatte er am letzten Wochenende viele wichtige Leute nach Hedeper geladen. Doch kamen weder die niedersächsische Wirtschaftsministerin Birgit Breuel (obwohl sie diesbezügliche Demarchen der Grünen „in weiten Teilen vernünftig und realistisch“ findet) noch Bundes- und Landtagsabgeordnete, weder Verwaltungsbeamte der beteiligten Ämter (wie dem Straßenbauamt) noch Kreistagsmitglieder, auch den Denkmalschutz hatte das Thema offensichtlich gelangweilt, vielleicht weil die zwei, drei Höfe, die der Straße zuliebe gefallen sind, keinen Kunstwert hatten. Und das Dorf als Ganzes hat es noch in keinen Bädeker geschafft, obwohl es hübsch an einer leichten Höhe plaziert ist. Der Blick reicht über ein Tal hinweg weit in den Harz zwischen Halberstadt (Ost) und Bad Harzburg (West).

„Hedeper“, sagt der Bürgermeister, „ist ein Dorf, das am Stacheldraht liegt.“ Man kann die Grenze zur DDR sehen, man erkennt ihre Wirkung auch im Dorf: In den letzten fünfzig Jahren sind von acht landwirtschaftlichen Arbeitsplätzen sieben verlorengegangen; von den fast fünfzehnhundert Einwohnern bei Kriegsende ist nur gut ein Drittel geblieben; von den damals dreißig Höfen werden nur noch vierzehn bewirtschaftet. Die Bahnlinie, die einst Frankfurt mit Berlin verbunden hatte, ist stillgelegt, von den 25 Eisenbahnerfamilien ist keine geblieben.

Die Wirtschaftsgebäude etlicher Höfe, die nur noch bewohnt werden, verfallen; Verfall aber hat auf die Gebliebenen eine resignative Wirkung. Bürgermeister Hünersdorf wird da nicht von sentimentalen konservatorischen Gefühlen geschüttelt: Weg mit dem Bruch, zumal da der Markt, wie er weiß, keine Interessenten herbeibringt. Warum also jammern, ist es nicht eine Gelegenheit, das Dorf „weiter und grüner zu machen“?