Von Sibylle Cramer

Saleem Sinai ist Indien. Seine Nase hängt an seinem Gesicht wie die Halbinsel Dekkan amindischen Kontinent. Seine fleckigen Wangen haben die Umrisse Pakistans. Das Muttermal auf dem rechten Ohr ist der Ostflügel, die linke Wange der Westen.

Was der Geographielehrer Saleems in seiner Lektion über Indien als Unterrichtswitz inszeniert, wird zu einer Figur der Reflexion des erwachsenen Erzählers, der seine Lebenserinnerung schreibt.

Die Leibvorstellung ist das Denkbild des Mythologen, der aufs Ganze aus ist. Am 15. August 1947, Schlag Mitternacht, „kracht“ Saleem in die Geschichte. Damit fällt seine Geburt zusammen mit der Geburt der indischen Nation.

Auf der Grenze des alten zum neuen Indien geboren, sind die Mitternachtskinder lebendige Gelenke zwischen dem Indien des Atomzeitalters und seiner magisch-mythischen Frühgeschichte. Wie Wischnu, der Durchdringer, besitzt der Knabe Saleem die Fähigkeit, in die Herzen und Gedanken der Menschen einzudringen. Saleem ist der häßliche indo-englische Mischling, der in einer wohlhabenden Intellektuellenfamilie Bombays aufwächst. Zugleich ist er ein riesiger Organismus, dessen Nerven ein vielgliedriges Gebilde aus Rassen, Religionen und Sprachen kontrollieren. Wenn der Knabe Saleem aus Presseschlagzeilen den Welthader zu seiner kleinen Briefintrige zerschnipselt, so bezeichnet diese Szene sehr genau seine Relaisfunktion zwischen großer und kleiner Geschichte.

Indiens Geschichte ist ihm auf den Leib geschrieben als organischer Prozeß. Die politische Geschichte wird naturalisiert. Saleem als mythischer Leib. Er trägt wie eine Leinwand das wuchernde Kolossalgemälde Salman Rushdies vom Traum und Alptraum Indien, auf dem sich die Jahrtausend-Kultur Indiens und westliche Zivilisation kreuzen, eine magisch-religiöe Welt der Wunder, astrologischen Wahrheiten und kosmischen Zeichen mit dem Kinozauber und Geldfieber des postkolonialen Indien, eine riesige, exzentrische Wirklichkeit, die eine krankhafte Phantasie, schlechte Kunst so komisch wie fürchterlich imitiert.

Rushdies gewaltige Konstruktion einer indischen Mythologie erzählt wie berühmte literarische Verwandte, wie Gabriel Garcia Márquez in „Hundert Jahre Einsamkeit“, die Genesis eines Kontinents. Die „Mitternachtskinder“ sind eine Schöpfungsgeschichte. Der Schreibakt als Schöpfungsvorgang wird mit Bildern aus der hinduistischen Kosmologie illustriert. Saleems Körper ist ein Geschichtsleib, der die dreißigjährige Geschichte des unabhängigen Indien durch die Zeit vorwärtsbewegt. Der physiognomische Blick, den der Mythologe auf seinen Stoff richtet, sichert der disparaten Wirklichkeit Indien ihren Charakter als Ganzes, ihren festen Umriß. Wenn dieser Erzählkörper vor den Augen des Lesers zerfällt, wenn der Vorgang des Schreibens als langsames Sterben beschrieben wird, so steckt in diesem Bild die Geschichte eines nationalen Zerfalls. Gleichzeitig konturiert der Erzähler mit dem Tod das Leben, das er beschreibt.