Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Oktober

Ist Frankreich ein Risiko eingegangen, das die Ölversorgung des Westens gefährdet? Kann durch die Pariser Entscheidung in der Golfregion ein Flächenbrand entstehen, der die unmittelbare Konfrontation der Weltmächte nach sich zieht? Amerikanische Stimmen sorgen sich, so die New York Times, um „das Schicksal der Welt“. Frankreichs Ex-Präsident Giscard d’Estaing sprach von einer „schweren Unvorsichtigkeit“ und einer „vielleicht tödlichen“ Gefahr. Der Gaullisten-Führer Chirac dagegen hält Mitterrands Entscheidung für „unvermeidlich“: Er hatte als Premierminister Giscards die enge politische, wirtschaftliche, militärische Verbindung mit dem Irak eingeleitet, aus der die jetzige Lage entstanden ist.

Es geht um die Lieferung von fünf Jagdbombern des Typs Super-Etendard, der seit dem Kampf um die Falkland-Inseln einen legendären Ruf hat. Damals versenkte die argentinische Luftwaffe mit diesen Maschinen und mit jeweils einer einzigen Exocet-Rakete, die zur Hauptausrüstung der Super-Etendard gehört, einen britischen Zerstörer und ein Versorgungsschiff aus großer Entfernung (die bis zu 70 km betragen kann).

Jetzt will der Irak mit Hilfe dieses Waffensystems den seit drei Jahren wütenden, von Bagdad selbst ausgelösten, doch immer schwerer zu ertragenden Krieg mit dem Iran schnell beenden. Ajatollah Chomeini soll möglichst schon mit der Bedrohung der iranischen Ölverschiffungs-Anlagen durch die französische Wunderwaffe friedens- und kompromißbereit gemacht werden.

Auf diese Überlegung hat man sich in Paris eingelassen. Mitte Juni wurde mit der Regierung in Bagdad ein Vertrag über die „Abtretung“ („Zession“) der von Irak gewünschten Flugzeuge geschlossen. Man mußte die komplizierte Form eines „Pacht- und Kaufvertrags“ wählen, weil die Produktion dieser Waffen ausgelaufen ist und sie nun von der französischen Marine praktisch „ausgeliehen“ werden. Bei einem einfachen Leihvertrag hätte Frankreich der Mit-Kriegführung angeklagt werden können. Schön damals sprach der regierungsfreundliche Le Monde von einer „gefährlichen Entscheidung“. Seither droht die Regierung in Teheran mit der Blockade oder Sabotage der Straße von Hormuz, des schmalen Schiffahrtswegs, durch den das Öl der Golfregion in den Westen fließt.

Seit Juni wurden irakische Piloten auf dem Flugplatz Landivisiau in der Bretagne für drei Monate geschult. Am 17. September gab es für sie schon eine Abschiedsfeier. Aber dann geschah vorläufig nichts. Das Vorhaben wurde in einen Nebel von unkontrollierbaren Gerüchten gehüllt. Es hieß, Staatspräsident Mitterrand wolle Zeit gewinnen; er lasse die Flugzeuge, in ihre Einzelteile zerlegt, in Kisten und auf dem Landweg nach Bagdad schaffen. Inzwischen könnten sie vielleicht schon ihre abschreckende Wirkung tun.