Diese Feder hätte ich mir gerne an den Hut gesteckt“, sagte Eugen Loderer Anfang des Jahres bedauernd in einem ZEIT-Interview – diese Feder, damit meinte er die Einführung der 35-Stunden-Woche. Doch der Terminkalender, seit langem fixiert, ließ das nicht zu. Ab Eugen Loderer vor drei Jahren, zum Ersten Vorsitzenden der IG Metall wiedergewählt wurde, stand schon fest, daß es die letzte Amtsperiode sein wird und er auf diesem Münchner Gewerkschaftstag den Vorsitz niederlegt – aus Altersgründen.

Loderer selbst aber hatte vor fünf Jahren die 40-Stunden-Woche in der Metallindustrie bis Ende dieses Jahres festgeschrieben – und dafür die Urlaubsverlängerung auf durchschnittlich sechs Wochen eingehandelt. So muß er den Kampf – möglicherweise den härtesten Arbeitskonflikt in der Geschichte der Bundesrepublik – um die 35-Stunden-Woche und – wenn die IG Metall dann ihr Ziel erreicht – auch den Ruhm seinem Nachfolger Hans Mayr (und dessen Vize Franz Steinkühler) überlassen, der ihm bislang als Zweiter Vorsitzender zur Seite stand.

Elf Jahre stand Loderer an der Spitze der größten Einzelgewerkschaft der Welt – zweieinhalb Millionen Mitglieder elf Jahre, in denen ihn Krisen begleitet haben: Uhrenindustrie, Volkswagenwerk, Elektronik, Stahl, Schiffbau, Luftfahrtindustrie.

Schließlich, in den letzten beiden Jahren, mußte die IG Metall zwar Reallohneinbußen für ihre Mitglieder hinnehmen, was sie wohl zuletzt deshalb zugestand, um ihre Kräfte für den Kampf um die 35-Stunden-Woche zu sammeln, von der sich die Gewerkschaftsfunktionäre die Sicherung von Arbeitsplätzen und eine Verringerung der Arbeitslosigkeit versprechen.

Reallohnsteigerungen im Jahre 1980 standen Einbußen in den Jahren 1981 und 1982 gegenüber, heißt es in dem Gewerkschaftsbericht, den der Vorstand jetzt den Delegierten des Gewerkschaftstages vorgelegt hat. In diesen Jahren sind die Löhne der Metallarbeiter zwar insgesamt um 14,9 Prozent gestiegen; berücksichtigt man jedoch die Preisteigerungsrate, so liegt der Reallohn heute auf dem Niveau von 1979.

Rückläufig waren wegen der Beschäftigungskrise auch die Mitgliederzahlen. Ende letzten Jahres hatte die Gewerkschaft nur noch 2 576 471 Mitglieder – 108 000 weniger als drei Jahre zuvor. Der Grund: Verlust von Arbeitsplätzen. Allein 1982 sind in der Metallverarbeitung sowie in der Eisen- und Stahlindustrie 115 000 Arbeitsplätze verlorengegangen.

Der Münchner Kongreß ist für die IG Metall ein Neubeginn in der Tarifpolitik. Nachdem ihr jahrelang – bis auf die jährlichen Lohnrunden – die Hände gebunden waren, ist sie nun frei für neue Aktionen. Der Manteltarifvertrag über die Arbeitszeit ist wenige Tage vor dem Gewerkschaftstag gekündigt worden, und der Vorstand hat – keineswegs überraschend – die Verwirklichung der 35-Stunden-Woche aufs Panier geschrieben. Die Delegierten des Gewerkschaftstages unterstützen ihn darin nachdrücklich, und in den nächsten Wochen werden die Tarifkommissionen den Forderungskatalog präzisieren.