Von Günter Haaf

Ort und Zeit hätten kaum besser für das Vorhaben sein können. Als ich in den Zug stieg, lagen rund neuneinhalb ungestörte Stunden vor mir: beste Bedingungen, um ein 464 Seiten starkes Buch zu lesen.

Während der Intercity von der Ammer bis zur Alster rollte, reiste ich mit dem Auge durch ein Werk, das so reichhaltig gegliedert, so adrett aufgemacht und so benutzerfreundlich zugänglich ist wie das Land, das draußen vorbeihuschte:

Egmont R. Koch/Fritz Vahrenholt: „Die Lage der Nation. Umwelt-Atlas der Bundesrepublik“. Geo-Buch, Hamburg, 1983; 464 Seiten, 19,80 DM.

Als ich in Hamburg ausstieg, vollgestopft mit Geschichten, Grafiken, Karten und Tabellen, da war mir die Parallelität des Bahnfahrens und Bücherlesens bewußt. Beide eilen gleichsam eindimensional durch die vieldimensionale wirkliche Welt. Kenne ich nun die Umwelt-Lage der Nation? Ich kenne sie vielleicht so gut wie die Landschaft entlang der Bahnstrecke, wenn ich sie aus dem Zugfenster betrachtet und mit Hilfe eines guten Reiseführers interpretiert hätte.

Das ist weniger eine Mängelrüge als ein Kompliment. Denn ähnlich wie gute Reiseführer einem die Augen öffnen, ohne den Leser gleich zum Experten zu machen, so vermerkt der „Umwelt-Atlas“ wenn nicht Sehens- so doch Bedenkenswertes: zu hohe Nitratpegel in zu vielen Trinkwasserbrunnen, zu viel Lärm um zuviel Flughäfen und Autostraßen, zu wenig und zu kleine Naturschutzgebiete. Fast alles, was Koch und Vahrenholt über die Lage der Nation zu beklagen haben, war auch für Nichtfachleute – also auch Politiker – vorher zugänglich. Doch die geschickte, gefällig aufgemachte Zusammenfassung machte aus der alltagsgrauen Umweltdatensammlung einen Bestseller (in dem das schon mit „Seveso ist überall“ erfolgreiche Autorenteam einen vergleichsweise gedämpften Ton anschlägt und, sehr wichtig, immer wieder auf die enormen Wissenslücken hinweist).

Koch und Vahrenholt beschränkten sich auf eine bundesdeutsche Bestandsaufnahme mit allenfalls zehnjährigen Vergleichsperioden. Überdies haben sie ihren „Umwelt-Atlas“ strikt nach Bundesländern gegliedert und diese Kapitel schematisch in Sachgebiete unterteilt (Luft, Wasser, Boden etc.). Dies erleichtert zwar den Zugriff zu gezielt gesuchten Daten, erschwert aber die Schilderung komplexer Vorgänge, weshalb das „Waldsterben“ stets etwas versteckt unter dem Stichwort „Boden“ stattfindet.