Wegbereiter. Kunstbereich taucht derBegriff immer wieder auf, wo Altes vonNeuem abgelöst wird, indes noch nicht zu vollem Durchbruch gelangt ist. Wissenschaftlich wird dies meist als Übergangsphase definiert. Allgemein jedoch erscheint das Urteil über jene, die die ersten Zeichen einer beginnenden Veränderung setzen, als ziemlich gnadenlos: Ihrer vermeintlich noch unausgegorenen Mitgift, glaubt man, bedürfe die Nachwelt nicht. So bleibt sie auf der Strecke und, wie ihre Urheber, häufig der totalen Vergessenheit preisgegeben.

Doch die Großen, die mit der Aura des genialen Zugriffs den Umbruch zur Vollendung trieben, verhehlten in der Regel nicht, was sie den Vorgängern und Zuträgern schuldeten: Haydn, Mozart und Beethoven etwa dünkten sich nicht erhaben darüber, mit ihren zuweilen weit weniger talentierten Kollegen möglichst viel zu musizieren, und auf manchen Programmzetteln fanden sich ihre Werke in schönster Eintracht nebeneinander.

Wer – außer einem Häuflein von Musikologen – hat denn wohl je zuvor etwas von jenen Komponisten vernommen, deren wegbereitendes Eroe, das nun in bunter Auswahl unter dem kommerziell leicht zurechtgestutzten Titel fast ausschließlich in Erstveröffentlichungen zusammengetragen ist:

„Die frühe Wiener Schule“ – Musik der Frühklassik; Heinz Holliger, Thomas Füri, Thomas Demenga, Camerata Bern, Leitung: Thomas Füri; DG Archiv 410 599-1 (3 LP).

Insidern dürfte Karl Ditters von Dittersdorf, Theaterbesuchern neuerdings (durch Peter Shaffers Theaternichtigkeit „Amadeus“) der Name Antonio Salieri einmal aufgefallen sein; Konzertbesuchern wohl aber noch nicht: Georg Christoph Wagenseil, Matthias Georg Monn, Johann Georg Albrechtsberger, Josef Starzer, Johann Baptist Vanhal oder Anton Zimmermann.

Anders als die gleichzeitig (um die Mitte des 18. Jahrhunderts) beim Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz in Arbeit und Brot stehenden Komponisten der glanzvollen „Mannheimer Schule“ vermieden die in Obhut der Kaiserin Maria Theresia lebenden Musiker ein so hochtrabendes Etikett ganz bewußt. Für diese zu Unrecht verkannte Gruppe gibt es eine einheitliche oder schulische Bezeichnung nicht – weder historisch noch stilistisch. Und es bliebe ein müßiges Unterfangen, in einem so reibungslosen Nebeneinander von Regression und Progression, von polyphoner (barocker) und homophoner (vorklassischer) Komposition Zäsuren zu setzen. Wie wohl auch der Disput zu nichts führte, ob denn der „Mannheimer“ oder „Wiener“ Zirkel für eine der größten Epochen abendländischer Musikgeschichte die entscheidenden Schrittmacherdienste geleistet hat.

Daß allerdings das Aufführungsmaterial für die vorliegende Einspielung überwiegend erst einmal erforscht und ins moderne Schriftbild übertragen werden mußte, läßt auf ein nicht aufgehobenes mangelndes Interesse schließen, was verwundert, weil der Nachlaß der „Mannheimer Schule“ bereits seit Jahrzehnten wissenschaftlich ediert vorliegt. Mußte ein Hamburger Unternehmen erst die Wiener Schätze heben?