Den Staub fortblasen: Frederik Hetmann hat sich diese Maxime selbst gestellt für die Aufarbeitung der Biographien und Schicksale von Menschen, deren Bilder im Laufe der Zeit durch irreführende Legendenbildung oder durch die Patina veredelnden Wunschdenkens unscharf geworden sind. Wie kaum ein anderer Schriftsteller beherrscht er die Kunst, Fakten und Überlieferungen, Briefe und Aufzeichnungen der Zeitgenossen, Authentisches und Vermutetes zu einem Mosaik zusammenzufügen, ob er zum Beispiel über Rosa Luxemburg, Georg Büchner oder, wie in diesem Buch, über Bettina Brentano und Achim von Arnim schreibt –

Frederik Hetmann: „Bettina und Achim – Die Geschichte einer Liebe“; Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim; 198 S., 19,80 DM.

Obwohl sich diese Liebesgeschichte vor beinahe zweihundert Jahren abspielte, wäre das Wort „historisch“ seltsam unpassend, denn bei aller nüchternen Distanz, bei allem In-Frage-Stellen erzählt Frederik Hetmann eine spannende und aktuelle Geschichte, in deren Akteure sich vor allem junge Leute hineinversetzen können, weil sie hier eigene Gefühle und Empfindungen, Befürchtungen und Hoffnungen berührt finden. Bettina Brentano ist siebzehn, Achim von Arnim ist einundzwanzig, als sie sich kennenlernen, und obwohl Clemens Brentano fast wie ein Kuppler die Freundschaft zwischen seiner jüngeren Schwester und dem Dichterfreund zu forcieren sucht, dauert es neun Jahre, bis die beiden es gelernt haben, einander so zu lieben, daß sie miteinander in einer Ehe leben können. Zu viele Partnerschaften in ihrem Bekanntenkreis verliefen unglücklich, zu viele ihrer Freunde – nicht zuletzt Clemens Brentano – gingen inflationär mit Liebe und Liebschaften um. Außerdem brauchen sowohl Bettina als auch Achim eine lange Zeit, um zuerst zu sich selbst zu finden, sich beruflich und weltanschaulich zu orientieren und sich in ihrer Zeit zurechtzufinden. Hetmann zeichnet diesen Prozeß der Emanzipation mit großer Genauigkeit.

Vielleicht ist dies das Besondere an diesem Buch: Der Leser wird von der Fülle der Zeitzeugnisse nicht erschlagen; behutsam hat der Autor die Fakten geordnet, und er macht deutlich, wo seine Auslegung beginnt, wo aber immer neben dem Einerseits auch ein Andererseits möglich ist und wo Spielraum für die eigene Ansicht bleibt. Zeitbezüge, familiäre Einbindungen und auch die sozialen Privilegien der Großbürgerstochter und des jungen Adligen werden einsichtig. In diesen Zusammenhängen sind die teils schwärmerischen, teils karriereorientierten Beziehungen zum Goethe-Clan, die Berührungen mit Hölderlin und den Brüdern Grimm, die Einflüsse von Kant, Schiller und Heine mehr als Episoden. Französische Revolution, Napoleons Eroberungszüge, Weltwirtschaftskrise, Demagogengesetze in Preußen: vor diesem Hintergrund gewinnt auch die schriftstellerische Arbeit von Clemens Brentano und Achim von Arnim, etwa an der Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn eine sozialpolitische Bedeutung. Hilfreich für den Leser sind die ausführliche Zeittafel, der Namensindex und die Quellenangaben im Anhang des Buches.

Dieser ganz besonderen Liebesgeschichte von zwei jungen Menschen, die so stark in ihren Eigenarten und so unterschiedlich in ihren Temperamenten waren, wünsche ich viele Leser.

Jo Pestum