HELMUT SCHÖDEL: Hier ist die Ebene, Michael Krüger, in der auch Ihre Gedichte entstehen, „Aus der Ebene“, zum Beispiel (Hanser Verlag, München, 1982). Eine Teestube in Schwabing: ödestes Flachland, die Berge, wo die Einsiedler, frühe Verwandte der Dichter, gewöhnlich leben, sind weit. Vor Zeiten aber stieg auch schon Zarathustra herab, obwohl man solche Bergmenschen bei uns in der Ebene für Fossilien hält. Möglicherweise Sie auch. Denn Sie sind nicht nur Lektor bei Hanser, sondern auch privat ein Leser, also ein einsamer Mensch?

MICHAEL KRÜGER: Ich lese gerne. Mein Privatleben ist eigentümlich. Ich lebe allein. Mir ist es nie gelungen, Irgendeine andere soziale Form zu entwickeln. Die Fähigkeit, allein zu sein, ist etwas, was uns völlig abhanden gekommen ist. Ich lebe seit zwanzig Jahren dieses Leben und finde das ganz normal. Jedes schlechte Theaterstück auf dem Münchner Theaterfestival, zum Beispiel, ist von Hunderten von Leuten umlagert. Keiner will alleine sein, nehme ich an.

Lesen ist für diese Leute sicher eine große Mühe, eben schon wegen des Alleinseins dabei. Für sie ist es ein Mangel an Zerstreuung, eine Tortur. Mir macht das gar nichts aus, abends an den Schreibtisch zu gehen, mich in aufrechter Haltung an den Schreibtisch zu setzen und zu lesen, weil ich allein sein kann: Auch deshalb kann ich ein Leser sein.

Trotzdem sind Sie kein Eremit. Schließlich findet das gesamte literarische Leben, in der Ebene statt. Und Sie nehmen daran gleich in fünf verschiedenen Funktionen teil: als Lektor, Lyriker, Kritiker, Juror und als Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente. Eigentlich ist das nichts Besonderes. Viele in der Ebene, fast alle Hochdekorierten unserer Kultur hier unten haben viele Berufe gleichzeitig. Daß sie glauben, sie seien all diesen Tätigkeiten gleichermaßen gewachsen, ist deren Neurose. Ihre auch?

Für viele sind das Machtprobleme, ist etwa Literaturkritik ein Gerangel um Macht statt um Literatur. Ich fühle mich nur für Literatur zuständig. Mich stört, zum Beispiel, wieviele Schriftsteller der Moderne überhaupt nicht zur Kenntnis genommen werden. Ich will auf Leute hinweisen, die von den großen Namen verdeckt werden, weil wir schon wieder so weit sind, die Literatur nur an großen Namen aufzuhängen. Ich habe noch nie in meinem Leben den neuen Grass oder Walser oder Kunert besprochen. Würde ich auch nie tun.

Aber es ist mir trotzdem ein Bedürfnis, mit Ihnen von der Verfilzung unseres Kulturbetriebs zu reden.

Natürlich hat meine Beteiligung auch solche Folgen. Aber ich ziehe es immerhin vor, aus der zweiten Linie zu operieren. Und wenn man Literatur, nach einem Wort von Walter Jens, als große Kraft ernst nehmen will, dann gibt es eben viel zu tun. Die Leidenschaft dazu wünsche ich mir. Überhaupt ist es eher eine Sorge um die Literatur, die mich dazu führt, da zu schreiben und hier zu diskutieren und nicht unbedingt die Frage, wie ich mich einreihen kann in die Gruppe der Großgangster.