Von Helmut Schmidt

Als August Bebel starb, war Herbert Weichmann 17 Jahre alt; mit 29 Jahren war er dabei, als der erste sozialdemokratische Reichspräsident zu Grabe getragen wurde. Die geschichtliche Spanne von Kaiserreich, Erstem Weltkrieg, Weimarer Republik, Naziherrschaft, Zweitem Weltkrieg und Wiederaufbau hat er miterlebt und miterlitten.

Herbert Weichmann ist nicht in die Sozialdemokratie hineingeboren worden. Aber der oberschlesische Arztsohn wurde auch nicht zufällig Sozialdemokrat. Und genausowenig war es Zufall, daß er – seit 1927 im preußischen Staatsministerium – 1932 persönlicher Referent des Sozialdemokraten und preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun wurde. Der Jurist Weichmann hatte sich im Wettbewerb gegen einen zackig-militaristischen Mitbewerber durchgesetzt.

Diese letzten Jahre der ersten deutschen Demokratie haben Weichmann wohl entscheidend geprägt. Der Verwaltungsbeamte lernte im Umgang mit der Macht. Er gewann politische Urteilskraft. Er vertrat seine Meinung offen und ungeschminkt – bis hin zu dem Rat, den er Otto Braun gab, im Kampf gegen die Nazis und ihre Horden notfalls auch vor den Grenzen der preußischen Verfassung nicht haltzumachen.

Die Geschichte ist anders verlaufen. Der Jude Herbert Weichmann mußte mit seiner Frau Elsbeth ins Exil, zunächst nach Frankreich, dann in die Vereinigten Staaten, wo er sich eine neue Existenz als Wirtschaftsberater aufbaute.

Es hat mich zutiefst bewegt, als er im Jahre 1971 – kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Hamburger Bürgermeisters – in einem Gespräch über diese Zeit sagte: „Es ist natürlich für mich unendlich bitter, und ich wage nicht daran zu rühren, daß meine engsten Angehörigen in Auschwitz vergast worden sind, daß ich viele Freunde verloren habe, die in den Konzentrationslagern umgekommen oder ermordet worden sind, und daß ich riesige Lücken vorgefunden habe. Auf der anderen Seite habe ich es nicht ausschließlich als ein jüdisches Schicksal empfunden, sondern es war eben das Schicksal einer unterdrückten Schicht, die hier eine gewisse Gemeinsamkeit des Schicksals aufzuweisen hatte ... Es konnte mich aber nicht soweit treiben zu sagen, nun entziehe ich mich der Verantwortung, halte den Lauf der Welt an, steige aus Deutschland aus, für immer. Dazu war ich eben doch durch meine Geistesart hier zu sehr verwurzelt.“

Es war – man kann dies bei Elsbeth Weichmann nachlesen – wirklich nicht selbstverständlich, daß Herbert Weichmann dem Rufe Max Brauers nach Hamburg 1948 folgte, aber es war für ihn selbst folgerichtig. Schon 1946 hatte er aus New York in einem Brief an den amerikanischen Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen geschrieben: „Ich denke, daß niemand zurückkehren möchte, wenn seine Rückkehr nur gesehen wird als Ausdruck der Zuneigung oder des Mitleids mit dem deutschen Volk und nicht als Ausdruck des Willens, zum Nutzen aller Betroffenen wenigstens in einem Teil Deutschlands menschliche Würde, Wirtschaftliche Gesundung und demokratische Zusammenarbeit wiederherzustellen.“