Ein Herr erregt sich: Von Verführung ist die Rede, von Hypnose und Trance, von geheimnisvollem Zauber. Der Herr, der sich erregt, ist Wissenschaftler, Arzt: Also nennt er die dunklen Leidenschaften eine Krankheit, bekämpft sie mit fasziniertem Abscheu. Vom Bedrohlichen, Unbegreiflichen handelt sein Buch – doch es herrscht darin eine buchhalterische Zucht, pedantisch ist jedes Kapitel gegliedert in Paragraphen. So ist schon die Dramaturgie des Textes ein Teil seines Programms: Die ordnende Vernunft tritt an zum Kampf gegen das hereinbrechende Chaos. Viele Hoffnungen macht sie sich nicht, denn: „In seinem ewigen Kampf mit der Vernunft wurde das Gefühl nie besiegt.“ Und: „Der Anteil des Unbewußten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein.“

Mit einem nahezu hektischen Eifer hat der französische Arzt Gustave Le Bon (geboren 1841, gestorben 1931) Traktate und Kampfschriften publiziert. Unsterblich wurde nur eines seiner Bücher: die „Psychologie der Massen“ von 1895. Sigmund Freud gehörte zu seinen Bewunderern und Nutznießern ebenso wie Adolf Hitler.

Wogegen kämpft Gustave Le Bon mit den schwachen Waffen der wissenschaftlichen, der skeptischen Vernunft? Gegen nichts Geringeres als ein Ungeheuer, eine tausendgliedrige, tausendköpfige Bestie. Er nennt sie „die Masse“. Er würde das Ungeheuer gern töten, doch er weiß, daß die Vorsehung gegen ihn ist: „Das Zeitalter, in das wir eintreten, wird in Wahrheit das Zeitalter der Massen sein.“

Man kann das Buch rasch und verärgert durchblättern und ist dann auch bald fertig damit. Anstößige Stellen findet man auf nahezu jeder Seite; Sätze, die auf das fehlerfrei aufgeklärte Bewußtsein wirken müssen wie politische Pornographie: Der „außerordentliche geistige Tiefstand der Massen“ wird beklagt, ihre Triebhaftigkeit, ihr Wankelmut, ihr Terror. Die Masse, das ist ein ganz und gar unmännliches Ungeheuer, erregbar und leichtgläubig. In der Masse wird auch der vernünftigste einzelne unaufhaltsam zu einem unberechenbaren Triebwesen, zum Weib, zum Kind, zum Wilden. Die Masse sehnt sich nach der Macht, mehr aber hoch nach Unterwerfung. Nach dem „Führer“ und, das ist mehr als ein Wortspiel: nach dem Verführer, dem „Bändiger der großen Bestie“. Die Politik ist, im Zeitalter der Massen, zu einem erotischen, animalischen Akt pervertiert – und darüber erregt sich Le Bon, wie sich nur ein Puritaner erregen kann.

Einen Rassisten hat man Le Bon geschimpft, weil er, ziemlich dunkel zumeist, von der „Rassenseele“ raunt; vielleicht auch, weil er sich eifrig an so obskuren wissenschaftlichen Unternehmungen wie der Vermessung von Schädeln beteiligt hat. Eine Schule der Diktatoren könnte man die „Psychologie der Massen“ nennen, ein Lehrbuch der Demagogie – mit hundert praktischen Hinweisen darauf, wie ein skrupelloser Politiker, allein durch die dämonische Kunst der Rede, eine Masse in den Massenwahn treiben kann. Dies und Le Bons wunderliche Theorie der Geschlechter (Wahn, dein Name ist Weib) müßten genügen, um ihm den Prozeß zu machen: angeklagt ein Rassist, Demagoge, Frauenfeind.

Dann also wäre die „Psychologie der Massen“ auch nur eine jener zahllosen philosophischen Kuriositäten und Obszönitäten, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat? So ist es gerade nicht: Gustave Le Bon war ein enttäuschter Aufklärer, ein skeptischer Demokrat, ein Liberaler in des Wortes alter, unvergenscherter Bedeutung.

Sein Trauma, lebenslang, war die Französische Revolution und ihre Entartung in den Terror. Sein Traumbild, lebenslang, war die angelsächsische Demokratie mit ihrer prosaischen Nüchternheit, ihrem Pragmatismus, ihrem Widerstand gegen allen ideologischen Zauber. Die französischen Menschen (wie alle „lateinischen“) hielt er für leidenschaftlich, also verführbar, also zur Unfreiheit geboren; Massenmenschen eben. Die Briten hielt er für unbestechlich, die Freiheit höher achtend als den Staat; Einzelmenschen eben, nicht zu berauschen. Die Falkland-Hysterie hätte diesem Weltbild, Wunschbild unseres Autors gewiß einen heftigen Stoß versetzt.