Der Elektrokonzern Indesit führt die 20-Stunden-Woche ein, der Staat zahlt den Lohnausgleich

Als noch genug zu tun war, kam jeder fünfte Arbeiter nicht zur Schicht. Das war in den siebziger Jahren. Als dann Entlassungen drohten, weil der Markt für Tiefkühltruhen, Waschmaschinen und Geschirrspüler verstopft war, ging das Krankfeiern plötzlich auf zwei Prozent zurück.

Der neue Eifer kam jedoch für Italiens zweitgrößten Elektrogerätehersteller Indesit in Turin zu spät. Nachdem die Personalkosten von 30 auf 40 Prozent des Umsatzes gestiegen waren, blieben alle Versuche zur Rationalisierung Stückwerk. Bald mußte die Turiner Gruppe den Offenbarungseid leisten, „wenn nicht 3400 Arbeitskräfte entlassen werden“, kündigte die Verwaltung im Namen der Gläubiger an.

Nun soll es dennoch weitergehen, denn Indesit hat einen ganz ungewöhnlichen Ausweg gefunden. Fünfeinhalbtausend Mann werden nur jeden zweiten Tag in der Woche arbeiten, aus der 40-Stunden-Woche wird für sie eine 20-Stunden-Woche. Jeder teilt sich einen über den anderen Tag den Arbeitsplatz mit einem Kollegen. Der Verdienst bleibt gleich hoch. Verwaltung und Metallgewerkschaften, die das Abkommen aushandelten, haben nämlich die Regierung als Dritten für diesen ungewöhnlichen Bund gewonnen, und der Arbeitsminister ließ sich nicht lumpen. Die Arbeitslosenkasse zahlt für die Ausfalltage einen Ausgleich, der 94 Prozent des früheren Nettogehaltes sichert. Außerdem werden die Ansprüche an die staatliche Rentenanstalt durch die verminderte Arbeitsleistung nicht berührt.

Freilich bewahrt die neue Arbeitsteilung nicht vor einer Verminderung der Arbeitsplätze. Im Gegenteil: Die Gewerkschaften erklärten sich gerade auf Grund der Einigung über dieses Rotationsverfahren am Arbeitsplatz damit einverstanden, daß die Arbeit der Indesit-Werke nach rationalen Gesichtspunkten neu organisiert wird und daß unrentable Betriebe geschlossen werden. Insgesamt wird in den nächsten beiden Jahren die Zahl der Beschäftigten durch strikten Einstellungsstopp, durch vorzeitige Pensionierung und durch Abfindungsangebote um tausend vermindert werden.

„Daß man von den ursprünglich geforderten Massenentlassungen abgekommen ist und eine Lösung gefunden hat, die alle Arbeitskräfte in die Verantwortung einbezieht“, betrachtet die Metallgewerkschaft als positiv. Dabei verkneift sie sich in einem Kommentar zu der „praktischen Lösung“ bei Indesit keineswegs einen Seitenhieb auf „bei Fiat getroffene Maßnahmen“.

Damit spielt die Gewerkschaft darauf an, daß bei Fiat rund 20 000 Beschäftigte ihrer endgültigen Entlassung entgegenbangen. Sie sind seit dem Höhepunkt der Autokrise von der Arbeit freigestellt. Die Arbeitslosensonderkasse, die in Italien im Normalfall nicht länger als zwei Jahre den Lohnausgleich zahlt, ist abgelaufen. Fiat hat in drei Jahren die Zahl der Beschäftigten um hunderttausend vermindert. Diese Roßkur, der ein Viertel der Belegschaft zum Opfer fiel, machte das Unternehmen wieder konkurrenzfähig. Nun aber sieht die Verwaltung voraus, daß auch die meisten der früher am Fließband tätigen 27 000 Arbeitskräfte nicht wieder beschäftigt werden können.