Pathos herrscht in diesem Buch. Ein feierlicher Grabgesang über 400 Seiten. Am Ende bleiben der Tod und die Ratlosigkeit des Lebens. Das Autobiographische birgt ein Problem, ein literarisches: die Ambivalenz von Aufrichtigkeit und Verbergen. Das Schreibenmüssen als Lebenshilfe und Lebenslüge. Nicht einmal der Tod beendet die Lust am „Schreiben über sich“. Hier trägt, singt und schreibt sich eine lustvoll zu Grabe.

Wer heute aus der Lebensmitte Rückschau hält, bleibt mit Sicherheit in den sechziger Jahren hängen. Sie nehmen auch den breitesten Raum in diesem Buch ein. Die achtundsechziger Utopie – ist es das? Wird sie hier totgeklagt, zum wievielten Male? So einfach ist es nicht. Pathos herrscht, nicht Larmoyanz. Nichts von der Wehleidigkeit, wie sie aus den Rechtfertigungsversuchen, aus den nachgeholten Selbstanalysen und einer weitbereiteten narzißtischen Bekenntnissucht derer spricht, die sich – zu Recht oder Unrecht – zu den Aktiven der Protestbewegung jener Jahre rechnen.

Der Ton in Karin Linnemanns Buch ist anders, weil es um anderes geht: nicht um die Beherrscher der Politszene, auch nicht um Mitläufer oder Indifferente, sondern um eine von jenen Unauffälligen, die gar nicht so selten auch in den Hochburgen der politischen Linken zu finden waren. Was sie zu bieten hatten, war nicht sehr gefragt, damals: eine tief verwurzelte Skepsis gegenüber politischen Utopien, eine aus geschichtlichem Bewußtsein und Einsicht in die psychologischen Voraussetzungen politischen Handelns geborene Ironie. Es war, neben der Kenntnis von Tradition und Lebensformen, in die man sich als nicht zufällig hineingeboren empfand, eine Abwehr jeglichen Dogmatismus’ und ein Beharren auf dem Rahmen, in dem individuelle Lebensweise am ehesten möglich war: dem bürgerlichen Erst heute kann man rückblickend ermessen, wieviel Mut diese Haltung erforderte. Denn obwohl auch sie aus der Kritik an den bestehenden Verhältnissen lebte, galten die solcherart sich den politischen Aktionen Versagenden als Gegner der Bewegung: als konservativ, reaktionär, bourgeois.

Heute nähern sich beide Haltungen einander: Das Scheitern verbindet die vermeintlichen Gegner. Doch schafft sich das gemeinsame Bewußtsein verlorener Hoffnungen verschiedene Ausdrucksformen. Die Vermutung, daß jene Zurückhaltenden auf Grund ihrer größeren Distanz und Unabhängigkeit den Hoffnungsverlust besser überstanden hätten, widerlegt Karin Lindemann mit der Hauptfigur ihres Romans.

Ruth ist ein DDR-Flüchtling. Sie studiert seit Ende der fünfziger Jahre Germanistik an einer westdeutschen Universität. Leben, „als gehöre man nicht dazu“, ist für sie eine Gewohnheit. Als Tochter eines Gutsbesitzers, der enteignet wurde, hatte sie schon drüben in einer Art „innerer Emigration“ gelebt. Unterstützt vom Vater, hatte sie sich in eine vor allem aus literarischen Quellen gespeiste geistige Oase zurückgezogen. An dieser Haltung ändert die Flucht nichts. Auch im Westen verweigert Ruth die Anpassung, haust außerhalb der Stadt in einer Scheune und bleibt auch dem westlichen System gegenüber zurückhaltend. Die Menschen, zu denen sie Vertrauen faßt, sind von ähnlicher Art: Intellektuelle, Künstler, deren geistige Unabhängigkeit und materielle Bedürfnislosigkeit einen Freiraum schaffen, in dem sich manches verwirklichen läßt, was wenig später auf dem Programm der Bewegung stehen wird, etwa die gemeinsame Kulturarbeit von Studenten und Arbeitern. Doch Ruths geistige Überlegenheit und ausgeprägte soziale Sensibilität lassen sie die Aussichtslosigkeit dieser Bindungen erkennen. Immer wieder befindet sie sich auf der Flucht. Als sie der Liebe zu einem viel älteren Mann nicht mehr ausweichen kann, entzieht sie sich allen Erwartungen, Ansprüchen, Hoffnungen schließlich endgültig: Sie nimmt sich das Leben.

Den „Unpolitischen“ entsprechend, die hier im Mittelpunkt stehen, liest man in diesem Buch wenig von Adorno und Marcuse, dafür mehr vom einzelnen und seinem Lebensgefühl. Wohl gibt die Tatsache, daß die Hauptfigur aus der DDR kommt und auch vom Westen aus wiederholt Reisen dorthin unternimmt, Gelegenheit zu zeitkritischen Passagen, doch überwiegt das Private. Alle äußeren Ereignisse werden nur in ihren Auswirkungen auf das labile Lebensgefühl der weiblichen Hauptfigur erfaßt.

Für viel „Welt“ bleibt da nicht Raum. Wo sie allerdings aufscheint, vor allem in Form von Reiseberichten (Griechenland, Italien, Jugoslawien), zeugt sie von dem beachtlichen Schreibtalent der Autorin. Von dieser Art läse man gern mehr. Doch immer wieder kommt der Autorin gleichsam die eigene Person in die Quere. Denn die oft zusammenhanglos aneinandergereihten Ich-Erlebnisse, die immer wieder abbrechenden Assoziationen weisen darauf hin, daß hier nur Selbsterlebtes wiedergegeben wird. Nur? Das klafft am Ende auseinander: Mit ihrer Hauptfigur läßt Karin Lindemann ihre Hoffnungen, die Hoffnungen einer ganzen Generation noch einmal sterben. Hoffnungslos mündet ihre Erzählung in die Gegenwart. Für den Tod jeder Hoffnung gibt es nur einen adäquaten Ausdruck: Sprachlosigkeit. Über Sprache (und Sprachlosigkeit) wird in diesem Buch viel und gescheit und mit Lust philosophiert.

Dies ist Karin Lindemanns erster Roman. Gleichwohl ist sie eine routinierte Schreiberin. Zu routiniert? Ein nächstes Buch, mit einem Stoff weiter weg von der eigenen Person, könnte Aufschluß geben. Christa Melchinger